Die Frauen-Europameisterschaften
Aller Anfang ist schwer: 1979 bis 1987
Die ersten
Europameisterschaften standen für das deutsche Team unter keinem guten
Stern. Das begann mit den Umständen, ging über die Terminierung weiter
und endete mit Pech und einer schlimmen Verletzung. Aber der Reihe nach.
Obwohl das Turnier in keiner offiziellen Statistik auftaucht, kämpften
bereits 1979 Mannschaften um den Titel eines Europameisters im
Damenfußball (so sagte man damals noch). Vom 19. bis 27. Juli jenes
Jahres trafen sich im italienischen Rimini zwölf Teams, die in vier
Gruppen die Halbfinalteilnehmer ausspielten. Eine Nationalelf
Deutschlands existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, während etwa
die nordeuropäischen Länder schon seit 1974 sogar eine eigene
Meisterschaft austrugen. Der dreifache Skandinavien-Champion Dänemark
gewann dann auch jenes inoffizielle 1979er EM-Turnier im Finale gegen
den Gastgeber Italien (2:0).
Drei Jahre später übernahm die UEFA die Organisation einer EM, obwohl
die Veranstaltung diesen Namen nicht trug, sondern zunächst noch als
"UEFA-Wettbewerb der Damen" bezeichnet wurde. Nun wollte auch (West-)
Deutschland dabei sein und forcierte die Gründung einer eigenen
Nationalelf. Schon das zweite Länderspiel überhaupt, am 5. März 1983
gegen Belgien, fand im Rahmen dieser ersten offiziellen EM statt. Man
liest oft, dass Deutschland hier in der Qualifikation gescheitert wäre,
aber das ist eine reine Definitionsfrage: Da es keine Endrunde gab,
sondern Halbfinale und Finale in Hin- und Rückspielen entschieden
wurden, wäre es wohl präziser, wenn man sagen würde, dass Deutschland in
der Vorrunde ausschied. Und das war zudem etwas unglücklich: Die
Mannschaft verlor nur eine von sechs Partien - mit 0:1 beim Favoriten
Dänemark, der schließlich auch Gruppenerster wurde, dann aber im
Halbfinale an England scheiterte. Die beiden Endspiele, im Mai 1984,
endeten dramatisch: In Göteborg gewannen die Schwedinnen 1:0 gegen
England, unterlagen aber in Luton mit demselben Resultat. So kam es zu
einem Elfmeterschießen, das die Elf aus dem hohen Norden für sich
entschied.
Die dritte EM (die zweite offizielle und die erste, die auch so hieß)
ging ebenfalls an ein Land aus Skandinavien: Nach Dänemark und Schweden
setzte sich nun Norwegen durch. Diesmal scheiterte Deutschland wirklich
in der Qualifikation, denn es wurde eine echte Endrunde ausgetragen: Die
besten vier Teams trafen sich vom 11. bis 14. Juni 1987 in
Norwegen. Dass die deutschen Frauen nicht dabei waren, lag an einer sehr
schweren Gruppe mit den beiden Top-Teams Norwegen und Dänemark. Zwar
schaffte es das DFB-Team, in Mai 1986 ein unerwartetes 0:0 in Oslo zu
erkämpfen, aber das ging in der Öffentlichkeit fast unter, weil sich
alles auf die bevorstehende WM der Männer in Mexiko konzentrierte. Und
als Deutschland dann auch noch mit 2:0 gegen Dänemark siegte, war das
zwar ein tolles Resultat - aber es kam zu spät. Die entscheidende
Niederlage hatte es nämlich im September 1985 daheim gegen Norwegen
gesetzt: Vor mehr als 3.000 Zuschauern unterliefen der deutschen Abwehr
in der ersten Hälfte zwei kapitale Fehler, die einen 0:2-Rückstand
bedeuteten. Als ob das nicht schon bitter genug gewesen wäre, brach sich
in der 36. Minute auch noch Christine Paul (Bayern München) Schien- und
Wadenbein - in ihrem ersten Länderspiel! Aber auch an diesem schwarzen
Tag wurde noch deutlich, dass Deutschland bald eine bessere Rolle
spielten sollte: Nach dem Wechsel zeigten die Frauen nämlich große Moral
und bestürmten das Tor des Favoriten mit Mut und Elan. Die erst
18-jährige Andrea Limper (KBC Duisburg) traf zweimal, doch am Ende hieß
es 2:3 für Norwegen. "Unsere Chance ist dahin", sagte Trainer Gero
Bisanz, konnte aber stolz auf seine Elf sein.
Immerhin war Deutschland am späteren Sieger gescheitert. Norwegen schlug
im Halbfinale Italien und gewann dann auch das Endspiel gegen Schweden
(2:1). Beide Tore schoss die großartige Trude Stendal, die auch schon
beim 3:2 gegen Deutschland doppelt getroffen hatte. Die Elf von Gero
Bisanz konnte indes an Renommee gewinnen - und wusste ein neues Ziel vor
Augen: Die nächste EM sollte schon zwei Jahre später in Deutschland
stattfinden
Die EM 1989, Deutschlands erster Streich
Die dritte offizielle Europameisterschaft (die vierte insgesamt) wurde
in Deutschland ausgetragen - und brachte für den hiesigen Frauenfußball
die große Wende. Mit einem Mal fand das Spiel auch in den Medien eine
Aufmerksamkeit und ein Interesse, das wenige Jahre zuvor noch undenkbar
gewesen wäre. So war zum Beispiel das Halbfinale zwischen Deutschland
und Italien das erste Frauenfußball-Spiel, das live und in voller Länge
im Fernsehen gezeigt wurde, womit der 28. Juni 1989, ein
Mittwoch, durchaus als historisches Datum gelten darf. Und nach dieser
Partie erhielten einige Spielerinnen sogar eine Einladung in das
"Aktuelle Sport-Studio" des ZDF, damals noch das Flaggschiff der
öffentlich-rechtlichen Sportsendungen. Trainer Gero Bisanz untersagte
dem Team aber einen solchen Auftritt - schließlich hatten die Deutschen
gegen Italien gewonnen und das Finale erreicht, das nur etwas mehr als
elf Stunden nach dem Ende des "Sport-Studios" beginnen würde.
Doch wir greifen den Geschehnissen voraus, denn vor der Endrunde der EM im eigenen Land stand für die deutsche Elf eine Qualifikation und das Viertelfinale an. Bisanz vertraute einer jungen Mannschaft: Keine Spielerin war älter als 28 Jahre, Ursula Lohn und Heidi Mohr zählten 22 Jahre, Martina Voss 21 - und Doris Fitschen war gerade 20. Dazu kam noch die 23-jährige Claudia Sonn (Husen-Kurl), die bis zum Beginn der Endrunde zum Stamm zählte, dann aber den Regeln zum Opfer fiel, weil Bisanz nur 16 Spielerinnen nominieren durfte.

Dieses Team setzte sich in der Qualifikationsgruppe ohne Niederlage
gegen Italien, Ungarn und die Schweiz durch und schaltete dann im
Viertelfinale die Tschechoslowakei aus (1:1 auswärts, 2:0 daheim).
Komplettiert wurde die Endrunde durch Italien, das als Gruppenzweiter
der Qualifikation auch noch ins Viertelfinale rutschte und dort
Frankreich zweimal schlug, sowie zwei unvermeidlichen skandinavischen
Mannschaften: Norwegen und Schweden. Allgemein galt Titelverteidiger
Norwegen als hoher Favorit; immerhin ging die Mannschaft die Sache so
professionell an, dass sie sich insgesamt 40 Tage in mehreren
Trainingslagern auf das Turnier vorbereitete und von einer großen
einheimischen Firma gesponsert wurde.
Aber es gab Anzeichen dafür, dass die EM durchaus spannend verlaufen
konnte. Norwegen hatte in seiner Qualifikationsgruppe große Mühe gehabt
und war satte fünf Punkte hinter Dänemark gelandet - das aber wiederum
im Viertelfinale zu Hause 1:5 gegen Schweden verlor. Die Schwedinnen
ihrerseits waren aber auch nur als Gruppenzweite in jene K.o-Runde
geraten, und zwar hinter Holland, das dann an Norwegen hängen blieb. Es
schien, als wäre alles möglich, als könnte jeder jeden schlagen.
Das bewies sich dann im Halbfinale. In einer dramatischen Partie setzte
sich Deutschland erst im Elfmeterschießen gegen Italien durch.
Spielführerin Silvia Neid hatte zwar eine Sonderbewacherin bekommen,
traf aber trotzdem auf Pass von Heidi Mohr nach 57 Minuten zum 1:0. Doch
eine Viertelstunde später schoss die Stürmerin Elisabetta Vignotto eines
ihrer insgesamt 107 Länderspieltore für Italien - die Partie musste in
die Verlängerung. In der forderten die 8.000 Zuschauer in Siegen einmal
einen Strafstoß für Deutschland, bekamen später aber noch genug davon,
denn auch nach 120 Minuten stand es 1:1. Im Elfmeterschießen hieß es
schließlich 4:3 für die Elf von Gero Bisanz, der wusste, wen er loben
musste: "Die Mannschaft hat am Ende eine tolle Moral bewiesen. Der
eigentliche Dank aber gebührt natürlich Marion Isbert." Die Torfrau
hatte nicht nur glänzend gehalten, sondern selbst zum entscheidenden Tor
vom Punkt getroffen!
Der Lohn war das Endspiel vier Tage später - gegen Norwegen. Diese Elf
hatte vor immerhin 2.500 Zuschauern in Lüdenscheid den Rivalen Schweden
knapp mit 2:1 besiegt und ging das Finale siegessicher an. Dann aber
passierten am 2. Juli 1989 so einige Dinge, die die
Skandinavierinnen nicht erwartet hatten. Zum einen die tolle Kulisse von
22.000 begeisterten deutschen Fans an der Bremer Brücke in Osnabrück.
Zum anderen die bis dahin beste Partie einer Frauenfußball-Elf in
Schwarz und Weiß: Nach nur 36 Minuten hatte die überragende Uschi Lohn
mit zwei Fernschüssen das Ziel getroffen, weil die physisch robusteren
Norwegerinnen beim Tempo- und Kombinationsfußball des Gegners nicht in
die Zweikämpfe kamen. Heidi Mohr traf sogar zum 3:0, bevor Sissel Grude
nach 54 Minuten das Anschlusstor gelang. Doch hoffen durfte der Favorit
nur kurz: In der 73. Minute köpfte Angelika Fährmann das 4:1, und der
Rest war Schaulaufen des neuen Europameisters.

Der Schwede Lennart Johansson, der bald UEFA-Präsident werden sollte,
übergab den Pokal - und so manche Träne rollte. "Ich kann noch gar nicht
glauben, dass wir es geschafft haben", staunte Silvia Neid, und Uschi
Lohn sprach vom "schönsten Tag meines Lebens". Gero Bisanz blickte
hingegen schon voraus: "Ich hoffe, dass von dieser EM eine Ausstrahlung
ausgeht, dass wir mehr Mädchen und Frauen für den Fußballsport
interessieren."
Geglückte Titelverteidigung bei der EM 1991
Obwohl die deutsche Mannschaft der Titelverteidiger war, musste sie
sich auch für die nächste Auflage der Europameisterschaft qualifizieren,
deren Endturnier vom 10. bis zum 14. Juli 1991 in den dänischen
Städten Hjørring, Frederikshavn und Aalborg stattfand. Diese
Qualifikation hätte eine haarige Angelegenheit werden können. Nicht
wegen der Gruppenspiele - in denen fuhren die deutschen Frauen nach
einem 0:0 zum Auftakt gegen Ungarn fünf Siege in Folge ein. Nein, es
waren die Spiele des Viertelfinales, die nicht als Selbstläufer gelten
durften, denn der Gegner hieß England.
In ihrer eigenen Qualifikationsgruppe waren die Engländerinnen zwar
nur auf den zweiten Platz gekommen, aber sie hatten gleich drei 0:0
abgeliefert und nur in einer einzigen Partie überhaupt ein Gegentor
kassiert, beim 0:2 in Norwegen. Dies schien eine Abwehr zu sein, die
sehr schwer zu knacken war, deshalb trat Deutschland am 25. November
1990 mit einigen Vorbehalten zum Hinspiel im englische Wycombe an.
Bisanz hatte sich sogar etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die
Offensivspielerin Doris Fitschen war als Abwehrchefin aufgeboten, weil
sie am besten zu den physisch starken Gegnerinnen passte. Nach etwas
mehr als einer halben Stunde stand es 1:1 und Deutschland unter großem
Druck, als ein Doppelschlag die Entscheidung brachte: Uschi Lohn traf
mit einem tollen Kopfball zum 1:2, nur drei Minuten später dribbelte
Heidi Mohr über die ganze gegnerische Hälfte und schloss zum 1:3 ab. Das
vierte Tor, wieder durch Mohr, und der 2:0-Sieg im Rückspiel waren da
nur noch eine Zugabe. Deutschland fuhr nach Dänemark, seinen Titel zu
verteidigen.
Dort wartete mehr als nur ein Déjà vu auf die Fans: Deutschlands Gegner
im Halbfinale war erneut Italien, im anderen Spiel traf wieder Norwegen
auf ein anderes skandinavisches Land. Zwei Jahre zuvor war es Schweden
gewesen, diesmal Gastgeber Dänemark. Doch anders als bei der vorherigen
EM brauchten die deutschen Fußballerinnen im Juli 1991 kein
Elfmeterschießen gegen Italien, nicht einmal eine Verlängerung. Vor
3.000 Zuschauern in Frederikshavn traf - man möchte fast sagen
"natürlich" - Heidi Mohr zweimal, und als nach genau einer Stunde die
beste Akteurin auf dem Platz, Sissy Raith, das 3:0 schaffte, war alles
gelaufen. Fast ebenso gut wie Raith agierte an diesem Tag Bettina
Wiegmann - heute die Rekordnationalspielerin des DFB, damals ein
19-jähriger Jungspund. Und nach 67 Minuten wurde sogar Sandra Hengst
eingewechselt, die in die 12. Klasse eines Gymnasiums ging, sich für
dieses Turnier schulfrei genommen hatte und noch nicht einmal ihre
Eltern über die Reise nach Dänemark informieren konnte, weil die sich im
Urlaub befanden, als Gero Bisanz Hengst nominierte!
So zeigte dieses Halbfinale, das übrigens live auf 3sat übertragen
wurde, erstens, dass Deutschland keine Nachwuchsprobleme hatte. Zweitens
ließ es die Prophezeiung von Martina Voss wahr werden: "Wir putzen sie
weg!", hatte die Stürmerin vor dem Spiel gesagt. Dass das wirklich
gelang, überraschte jene Kritiker, die auf eine 2:4-Niederlage gegen die
USA in der Vorbereitung verwiesen hatten, um Zweifel am Team anzumelden.
Doch Bisanz war von Anfang an überzeugt von seinem Kader gewesen: "Die
Niederlage gegen die Amerikanerinnen fiel in den Endspurt um die
Deutsche Meisterschaft, daher waren viele Spielerinnen nicht frei im
Kopf. Ich will das Ergebnis also nicht so stark werten. Wir haben eine
sehr gute Chance, als Europameister nach Hause zurückzukehren."
Die letzte Hürde auf dem Weg zu diesem Ziel war schon wieder Norwegen.
Das Team hatte in seinem Halbfinale gegen Dänemark kein Tor geschossen,
aber auch keines kassiert, sodass insgesamt 18 Elfmeter die Entscheidung
bringen mussten. Das wollten die Skandinavierinnen im Endspiel offenbar
wiederholen, denn am 14. Juli 1991 mauerten sie sich vor 6.000
Zuschauern in Aalborg ein und waren in der Wahl ihrer Mittel auch sonst
nicht zimperlich. Nach 54 Minuten schien dann alles schief zu gehen,
denn da gingen die Norwegerinnen sogar durch die junge Birthe Hegstad in
Führung. Aber mit diesem Treffer weckten sie die Deutschen geradezu auf,
die plötzlich weniger übereifrig und nervös wirkten. Nach 62 Minuten
gelang Heidi Mohr der Ausgleich, und Norwegen konnte von Glück sagen,
dass es sich in die Verlängerung rettete. Die war aber schon nach 360
Sekunden entschieden: In der 83. Minute markierte Mohr ihren 25.
Länderspieltreffer, in der 86. Minute erhöhte Silvia Neid auf 3:1. Einer
der ersten Gratulanten war - genau wie zwei Jahre zuvor - Sven Isbert,
der kleine Sohn der deutschen Torhüterin Marion Isbert.
Die EM 1993 wird zum Rückschlag
Als die Qualifikationsspiele
zur EM-Endrunde 1993 begannen, war die deutsche Nationalelf seit
dem Oktober 1985, seit einer 0:1-Niederlage gegen Finnland in Turku, in
offiziellen Spielen um diesen Titel unbesiegt und hatte zweimal den
Pokal in die Höhe recken dürfen. Dass diese unheimliche Serie nicht ewig
halten würde, war den Fans natürlich bewusst. Aber die beiden
Nachmittage in den italienischen Städten Rimini und Riccione, die
Deutschland schließlich auf den Boden der Realität zurückholten, wurden
daheim dennoch mit Erstaunen aufgenommen. Das "kicker Sportmagazin"
sprach von einem "unerwarteten Absturz" und einem "Rückschlag". Das war
erstens zu hoch gegriffen, denn schließlich spielten die deutschen
Frauen gegen gute Teams und hatten viel Pech. Zweitens hätte man schon
im Vorfeld des Turniers ahnen können, dass es dieses Mal nicht so gut
laufen würde, denn die Vorbereitung der Mannschaft hatte zu wünschen
übrig gelassen.
Das war aber nicht die Schuld des Trainers Gero Bisanz, sondern einfach
eine Laune des Schicksals. Während alle Favoriten in ihren
Qualifikationsgruppen echte Wettkampfpraxis bekamen, konnte Deutschland
wegen der Unruhen auf dem Balkan nur eine Partie bestreiten: Jugoslawien
verlegte sein Heimspiel gegen die DFB-Elf nach Sofia in Bulgarien,
unterlag dort 0:3 und trat dann zum Rückspiel gar nicht mehr an, weil
das Land sich im Kriegszustand befand. Und im Viertelfinale bekamen es
die deutschen Frauen nicht mit Schweden, England oder Holland zu tun,
sondern mit dem höchstens zweitklassigen Russland.
Manchmal freut man sich vielleicht über einen solch leichten Gegner,
aber als Deutschland am 11. Oktober 1992 zu einem lockeren 7:0 in Moskau
kam (gleich fünf Spielerinnen trugen sich in die Torschützenliste ein),
waren die Probleme wohl schon programmiert. Seit der WM im Spätherbst
1991 hatte das Team von Gero Bisanz nur eine Partie bestritten, in der
die Elf gefordert wurde (ein 1:1 gegen Italien), alle anderen Spiele
waren eher wie Trainingsmatches - etwa ein 7:0 gegen Frankreich oder ein
4:0 gegen Polen.
Das machte sich schon beim Rückspiel gegen Russland bemerkbar, denn vor
2.400 enttäuschten Zuschauern in Rheine kam Deutschland nur zu einem
peinlichen 0:0. "Mit der spielerischen Leistung bin ich nicht
zufrieden", grummelte Bisanz, setzte aber hinzu: "Bis zum Turnier ist
noch genügend Zeit, um an unseren Schwächen zu arbeiten." Das tat die
Mannschaft dann auch, indem sie in den folgenden Monaten gegen starke
Gegner antrat, allein dreimal gegen den amtierenden Weltmeister USA.
Aber vielleicht kamen diese Härtetest zu spät, wer weiß.
Am Mittwoch, dem 30. Juni 1993, übertrug die ARD live - wenn auch
mit kleinerer Verzögerung - das Halbfinale der EM zwischen Deutschland
und den guten alten Bekannten aus Italien. Zum dritten Mal in Folge
bestritten diese beiden Team die Vorschlussrunde der EM - und im dritten
Anlauf siegten nun die Italienerinnen, übrigens unter der Leitung des
berühmten schwedischen Schiedsrichters Anders Frisk. Doch es hätte
anders kommen können: Heidi Mohr brachte ihre Farben nach einer knappen
Stunde in Führung, was bei der Vielzahl der deutschen Chancen mehr als
überfällig war. Doch die Gastgeberinnen schlugen in Person der
großartigen Carolina Morace prompt zurück. Ein Platzverweis gegen Jutta
Nardenbach ließ dann sogar Italien die Oberhand gewinnen, aber die
Entscheidung zugunsten der Azur-Blauen fiel erst im Elfmeterschießen.
Eine der besten deutschen Spielerinnen sah diese Partie bloß von der
Tribüne: Martina Voss war hochschwanger und konnte ihre Kolleginnen nur
indirekt unterstützen. Silvia Neid musste zudem leicht angeschlagen in
die Partie gehen, aber das soll den Sieg Italiens nicht schmälern: Die
Elf war nach vielen vergeblichen Anläufen einfach mal dran.
Drei Tage später verlor Deutschland auch das Spiel um den dritten
Platz gegen Dänemark. Wieder vergab das Team viele gute Chancen und kam
nur zu einem Tor durch einen herrlichen Freistoß von Maren Meinert. Die
Däninnen trafen hingegen dreimal - wieder unter den gestrengen Augen
eines Referees, der später zur absoluten Spitze im Männerbereich
aufstiegen würde, des Holländers Dick Jol. Bisanz nahm die Niederlage
souverän auf und verwies auf die Zukunft: "Wir haben noch eine sehr
junge Mannschaft, in zwei Jahren wird wieder alles anders aussehen."
(Der Kader war im Durchschnitt 23,2 Jahre alt.)
Das Finale am 4. Juli 1993 in Cesena gewann Norwegen mit 1:0
gegen Italien, also mit demselben Ergebnis, mit dem der neue
Europameister schon sein Halbfinale gegen Dänemark beendet hatte. Den
entscheidenden Treffer des Endspiels markierte Birthe Hegstad in der 85.
Minute.

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1.6.2005 - Rückblick Sechs: EM 97, das
Turnier der Überraschungen
Die Europameisterschaft 1997 wartete mit einigen Neuerungen auf, die dem Wettbewerb alle guttaten. Zum einen gab es zum ersten Mal ein richtiges Endturnier (29.6. bis 12.7.1997) mit acht Teilnehmern, die in zwei Gruppen starteten und die Halbfinalisten ermittelten. Die Austragungsorte, Norwegen und Schweden, waren dem Ereignis angemessen, denn Skandinavien galt immer noch als Hochburg des Frauenfußballs, trotz der letzten Erfolge Deutschlands und dem Aufstreben des Spiels in den USA. Zum zweiten wurden die Partien in die Sommerpause gelegt, sodass man höchstens mit drögen UI-Cup-Kicks der Männer konkurrieren musste. Prompt stand die EM im Rampenlicht wie selten zuvor: Kurz nach dem Finale meldete sich der Bundeskanzler per Telegramm zu Wort, und am Montag nach dem Endspiel schaffte es die DFB-Elf endlich auf die erste Seite des Innenteils der führenden deutschen Fußballzeitschrift.
Theune-Meyer, die Tochter eines Leichtathleten und einer Handballerin, war seit 1985 in Besitz einer Fußballlehrer-Lizenz (damals als erste Frau in Deutschland), nun stand sie endlich in der alleinigen Verantwortung. "Ein bisschen kribbelt es schon", sagte sie, aber das war sicherlich untertrieben. Dass ihre Elf mit zwei sicheren Siegen gegen Island die Playoffs gewann und zur EM fuhr, beruhigte ihre Nerven, so dürfen wir vermuten, nur kurzfristig. Die deutsche Elf war verjüngt worden - so bestritt Silvia Neid kurz vor Turnierbeginn ihr Abschiedsspiel -, musste den Ausfall von Anouschka Bernhard verkraften und war zu allem Überfluss schon wieder in eine Gruppe mit Norwegen gelost worden, das seine Spiele natürlich vor der heimischen Kulisse in den Städten Moss und Lilleström austragen durfte. Ach ja, amtierender Weltmeister war Norwegen auch noch. "Wir müssen im ersten Spiel gegen Italien Selbstvertrauen tanken für die schweren Partien gegen Norwegen und Dänemark", gab Theue-Meyer die Losung aus.
Drei Tage später gelang Deutschland gegen den Angstgegner Norwegen zwar ein 0:0, aber die Sorgenfalten bei Theune-Meyer wurden trotzdem immer größer. Zwei Minuten vor der Pause zog sich Spielführerin Martina Voss einen Innenbandriss im Knie zu. "Seit vier Jahren hatte ich keine Pause, mein Korper hat sich jetzt gewehrt", sagte sie traurig. Immerhin trotzte die Elf dem Turnierfavoriten ein Remis ab, das die Chancen auf den Einzug ins Halbfinale wahrte, und ließ sich auch von 8.000 Fans der Norwegerinnen nicht kirre machen. Die Belohnung folgte beim abschließenden 2:0-Sieg gegen Dänemark durch Tore von Monika Meyer und Birgit Prinz. Beide Treffer fielen erst in der Schlussphase, aber Theune-Meyer war das egal: "Unsere Spielerinnen sind hier gereift. Jetzt ist alles möglich." In der Tat: Aus Lilleström kam die unglaubliche Kunde, dass Norwegen gegen Italien verloren hatte und ausgeschieden war! Im Halbfinale traf Deutschland auf den zweiten Gastgeber, Schweden. Die Wiederauflage des 95er EM-Finals hatte denselben Sieger - Deutschland. Den einzigen Treffer des Tages markierte Bettina Wiegmann sieben Minuten vor Schluss mit einem Heber, der ihre gute Technik und ihre noch besseren Nerven bewies. Etwa 4.200 Fans im schwedischen Karlstad waren fassungslos, als Torfrau Silke Rottenberg in der 90. Minute eine fantsatische Parade zeigte und die letzte von vielen schwedischen Chancen zunichte machte. "Jetzt ist die Chance auf die Titelverteidigung riesengroß", sagte die neue Kapitänin Doris Fitschen.
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