Die Frauen-Europameisterschaften
 

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Aller Anfang ist schwer: 1979 bis 1987

Die ersten Europameisterschaften standen für das deutsche Team unter keinem guten Stern. Das begann mit den Umständen, ging über die Terminierung weiter und endete mit Pech und einer schlimmen Verletzung. Aber der Reihe nach.

Obwohl das Turnier in keiner offiziellen Statistik auftaucht, kämpften bereits 1979 Mannschaften um den Titel eines Europameisters im Damenfußball (so sagte man damals noch). Vom 19. bis 27. Juli jenes Jahres trafen sich im italienischen Rimini zwölf Teams, die in vier Gruppen die Halbfinalteilnehmer ausspielten. Eine Nationalelf Deutschlands existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, während etwa die nordeuropäischen Länder schon seit 1974 sogar eine eigene Meisterschaft austrugen. Der dreifache Skandinavien-Champion Dänemark gewann dann auch jenes inoffizielle 1979er EM-Turnier im Finale gegen den Gastgeber Italien (2:0).

 

Drei Jahre später übernahm die UEFA die Organisation einer EM, obwohl die Veranstaltung diesen Namen nicht trug, sondern zunächst noch als "UEFA-Wettbewerb der Damen" bezeichnet wurde. Nun wollte auch (West-) Deutschland dabei sein und forcierte die Gründung einer eigenen Nationalelf. Schon das zweite Länderspiel überhaupt, am 5. März 1983 gegen Belgien, fand im Rahmen dieser ersten offiziellen EM statt. Man liest oft, dass Deutschland hier in der Qualifikation gescheitert wäre, aber das ist eine reine Definitionsfrage: Da es keine Endrunde gab, sondern Halbfinale und Finale in Hin- und Rückspielen entschieden wurden, wäre es wohl präziser, wenn man sagen würde, dass Deutschland in der Vorrunde ausschied. Und das war zudem etwas unglücklich: Die Mannschaft verlor nur eine von sechs Partien - mit 0:1 beim Favoriten Dänemark, der schließlich auch Gruppenerster wurde, dann aber im Halbfinale an England scheiterte. Die beiden Endspiele, im Mai 1984, endeten dramatisch: In Göteborg gewannen die Schwedinnen 1:0 gegen England, unterlagen aber in Luton mit demselben Resultat. So kam es zu einem Elfmeterschießen, das die Elf aus dem hohen Norden für sich entschied.

Die dritte EM (die zweite offizielle und die erste, die auch so hieß) ging ebenfalls an ein Land aus Skandinavien: Nach Dänemark und Schweden setzte sich nun Norwegen durch. Diesmal scheiterte Deutschland wirklich in der Qualifikation, denn es wurde eine echte Endrunde ausgetragen: Die besten vier Teams trafen sich vom 11. bis 14. Juni 1987 in Norwegen. Dass die deutschen Frauen nicht dabei waren, lag an einer sehr schweren Gruppe mit den beiden Top-Teams Norwegen und Dänemark. Zwar schaffte es das DFB-Team, in Mai 1986 ein unerwartetes 0:0 in Oslo zu erkämpfen, aber das ging in der Öffentlichkeit fast unter, weil sich alles auf die bevorstehende WM der Männer in Mexiko konzentrierte. Und als Deutschland dann auch noch mit 2:0 gegen Dänemark siegte, war das zwar ein tolles Resultat - aber es kam zu spät. Die entscheidende Niederlage hatte es nämlich im September 1985 daheim gegen Norwegen gesetzt: Vor mehr als 3.000 Zuschauern unterliefen der deutschen Abwehr in der ersten Hälfte zwei kapitale Fehler, die einen 0:2-Rückstand bedeuteten. Als ob das nicht schon bitter genug gewesen wäre, brach sich in der 36. Minute auch noch Christine Paul (Bayern München)  Schien- und Wadenbein - in ihrem ersten Länderspiel! Aber auch an diesem schwarzen Tag wurde noch deutlich, dass Deutschland bald eine bessere Rolle spielten sollte: Nach dem Wechsel zeigten die Frauen nämlich große Moral und bestürmten das Tor des Favoriten mit Mut und Elan. Die erst 18-jährige Andrea Limper (KBC Duisburg) traf zweimal, doch am Ende hieß es 2:3 für Norwegen. "Unsere Chance ist dahin", sagte Trainer Gero Bisanz, konnte aber stolz auf seine Elf sein.

Immerhin war Deutschland am späteren Sieger gescheitert. Norwegen schlug im Halbfinale Italien und gewann dann auch das Endspiel gegen Schweden (2:1). Beide Tore schoss die großartige Trude Stendal, die auch schon beim 3:2 gegen Deutschland doppelt getroffen hatte. Die Elf von Gero Bisanz konnte indes an Renommee gewinnen - und wusste ein neues Ziel vor Augen: Die nächste EM sollte schon zwei Jahre später in Deutschland stattfinden

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Die EM 1989, Deutschlands erster Streich

Die dritte offizielle Europameisterschaft (die vierte insgesamt) wurde in Deutschland ausgetragen - und brachte für den hiesigen Frauenfußball die große Wende. Mit einem Mal fand das Spiel auch in den Medien eine Aufmerksamkeit und ein Interesse, das wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. So war zum Beispiel das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien das erste Frauenfußball-Spiel, das live und in voller Länge im Fernsehen gezeigt wurde, womit der 28. Juni 1989, ein Mittwoch, durchaus als historisches Datum gelten darf. Und nach dieser Partie erhielten einige Spielerinnen sogar eine Einladung in das "Aktuelle Sport-Studio" des ZDF, damals noch das Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Sportsendungen. Trainer Gero Bisanz untersagte dem Team aber einen solchen Auftritt - schließlich hatten die Deutschen gegen Italien gewonnen und das Finale erreicht, das nur etwas mehr als elf Stunden nach dem Ende des "Sport-Studios" beginnen würde.


  

Doch wir greifen den Geschehnissen voraus, denn vor der Endrunde der EM im eigenen Land stand für die deutsche Elf eine Qualifikation und das Viertelfinale an. Bisanz vertraute einer jungen Mannschaft: Keine Spielerin war älter als 28 Jahre, Ursula Lohn und Heidi Mohr zählten 22 Jahre, Martina Voss 21 - und Doris Fitschen war gerade 20. Dazu kam noch die 23-jährige Claudia Sonn (Husen-Kurl), die bis zum Beginn der Endrunde zum Stamm zählte, dann aber den Regeln zum Opfer fiel, weil Bisanz nur 16 Spielerinnen nominieren durfte.

Dieses Team setzte sich in der Qualifikationsgruppe ohne Niederlage gegen Italien, Ungarn und die Schweiz durch und schaltete dann im Viertelfinale die Tschechoslowakei aus (1:1 auswärts, 2:0 daheim). Komplettiert wurde die Endrunde durch Italien, das als Gruppenzweiter der Qualifikation auch noch ins Viertelfinale rutschte und dort Frankreich zweimal schlug, sowie zwei unvermeidlichen skandinavischen Mannschaften: Norwegen und Schweden. Allgemein galt Titelverteidiger Norwegen als hoher Favorit; immerhin ging die Mannschaft die Sache so professionell an, dass sie sich insgesamt 40 Tage in mehreren Trainingslagern auf das Turnier vorbereitete und von einer großen einheimischen Firma gesponsert wurde.  

Aber es gab Anzeichen dafür, dass die EM durchaus spannend verlaufen konnte. Norwegen hatte in seiner Qualifikationsgruppe große Mühe gehabt und war satte fünf Punkte hinter Dänemark gelandet - das aber wiederum im Viertelfinale zu Hause 1:5 gegen Schweden verlor. Die Schwedinnen ihrerseits waren aber auch nur als Gruppenzweite in jene K.o-Runde geraten, und zwar hinter Holland, das dann an Norwegen hängen blieb. Es schien, als wäre alles möglich, als könnte jeder jeden schlagen.

Das bewies sich dann im Halbfinale. In einer dramatischen Partie setzte sich Deutschland erst im Elfmeterschießen gegen Italien durch. Spielführerin Silvia Neid hatte zwar eine Sonderbewacherin bekommen, traf aber trotzdem auf Pass von Heidi Mohr nach 57 Minuten zum 1:0. Doch eine Viertelstunde später schoss die Stürmerin Elisabetta Vignotto eines ihrer insgesamt 107 Länderspieltore für Italien - die Partie musste in die Verlängerung. In der forderten die 8.000 Zuschauer in Siegen einmal einen Strafstoß für Deutschland, bekamen später aber noch genug davon, denn auch nach 120 Minuten stand es 1:1. Im Elfmeterschießen hieß es schließlich 4:3 für die Elf von Gero Bisanz, der wusste, wen er loben musste: "Die Mannschaft hat am Ende eine tolle Moral bewiesen. Der eigentliche Dank aber gebührt natürlich Marion Isbert." Die Torfrau hatte nicht nur glänzend gehalten, sondern selbst zum entscheidenden Tor vom Punkt getroffen!

Der Lohn war das Endspiel vier Tage später - gegen Norwegen. Diese Elf hatte vor immerhin 2.500 Zuschauern in Lüdenscheid den Rivalen Schweden knapp mit 2:1 besiegt und ging das Finale siegessicher an. Dann aber passierten am 2. Juli 1989 so einige Dinge, die die Skandinavierinnen nicht erwartet hatten. Zum einen die tolle Kulisse von 22.000 begeisterten deutschen Fans an der Bremer Brücke in Osnabrück. Zum anderen die bis dahin beste Partie einer Frauenfußball-Elf in Schwarz und Weiß: Nach nur 36 Minuten hatte die überragende Uschi Lohn mit zwei Fernschüssen das Ziel getroffen, weil die physisch robusteren Norwegerinnen beim Tempo- und Kombinationsfußball des Gegners nicht in die Zweikämpfe kamen. Heidi Mohr traf sogar zum 3:0, bevor Sissel Grude nach 54 Minuten das Anschlusstor gelang. Doch hoffen durfte der Favorit nur kurz: In der 73. Minute köpfte Angelika Fährmann das 4:1, und der Rest war Schaulaufen des neuen Europameisters.



Der Schwede Lennart Johansson, der bald UEFA-Präsident werden sollte, übergab den Pokal - und so manche Träne rollte. "Ich kann noch gar nicht glauben, dass wir es geschafft haben", staunte Silvia Neid, und Uschi Lohn sprach vom "schönsten Tag meines Lebens". Gero Bisanz blickte hingegen schon voraus: "Ich hoffe, dass von dieser EM eine Ausstrahlung ausgeht, dass wir mehr Mädchen und Frauen für den Fußballsport interessieren."
 

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Geglückte Titelverteidigung bei der EM 1991

Obwohl die deutsche Mannschaft der Titelverteidiger war, musste sie sich auch für die nächste Auflage der Europameisterschaft qualifizieren, deren Endturnier vom 10. bis zum 14. Juli 1991 in den dänischen Städten Hjørring, Frederikshavn und Aalborg stattfand. Diese Qualifikation hätte eine haarige Angelegenheit werden können. Nicht wegen der Gruppenspiele - in denen fuhren die deutschen Frauen nach einem 0:0 zum Auftakt gegen Ungarn fünf Siege in Folge ein. Nein, es waren die Spiele des Viertelfinales, die nicht als Selbstläufer gelten durften, denn der Gegner hieß England.
 

In ihrer eigenen Qualifikationsgruppe waren die Engländerinnen zwar nur auf den zweiten Platz gekommen, aber sie hatten gleich drei 0:0 abgeliefert und nur in einer einzigen Partie überhaupt ein Gegentor kassiert, beim 0:2 in Norwegen. Dies schien eine Abwehr zu sein, die sehr schwer zu knacken war, deshalb trat Deutschland am 25. November 1990 mit einigen Vorbehalten zum Hinspiel im englische Wycombe an. Bisanz hatte sich sogar etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die Offensivspielerin Doris Fitschen war als Abwehrchefin aufgeboten, weil sie am besten zu den physisch starken Gegnerinnen passte. Nach etwas mehr als einer halben Stunde stand es 1:1 und Deutschland unter großem Druck, als ein Doppelschlag die Entscheidung brachte: Uschi Lohn traf mit einem tollen Kopfball zum 1:2, nur drei Minuten später dribbelte Heidi Mohr über die ganze gegnerische Hälfte und schloss zum 1:3 ab. Das vierte Tor, wieder durch Mohr, und der 2:0-Sieg im Rückspiel waren da nur noch eine Zugabe. Deutschland fuhr nach Dänemark, seinen Titel zu verteidigen.

Dort wartete mehr als nur ein Déjà vu auf die Fans: Deutschlands Gegner im Halbfinale war erneut Italien, im anderen Spiel traf wieder Norwegen auf ein anderes skandinavisches Land. Zwei Jahre zuvor war es Schweden gewesen, diesmal Gastgeber Dänemark. Doch anders als bei der vorherigen EM brauchten die deutschen Fußballerinnen im Juli 1991 kein Elfmeterschießen gegen Italien, nicht einmal eine Verlängerung. Vor 3.000 Zuschauern in Frederikshavn traf - man möchte fast sagen "natürlich" - Heidi Mohr zweimal, und als nach genau einer Stunde die beste Akteurin auf dem Platz, Sissy Raith, das 3:0 schaffte, war alles gelaufen. Fast ebenso gut wie Raith agierte an diesem Tag Bettina Wiegmann - heute die Rekordnationalspielerin des DFB, damals ein 19-jähriger Jungspund. Und nach 67 Minuten wurde sogar Sandra Hengst eingewechselt, die in die 12. Klasse eines Gymnasiums ging, sich für dieses Turnier schulfrei genommen hatte und noch nicht einmal ihre Eltern über die Reise nach Dänemark informieren konnte, weil die sich im Urlaub befanden, als Gero Bisanz Hengst nominierte!

 

So zeigte dieses Halbfinale, das übrigens live auf 3sat übertragen wurde, erstens, dass Deutschland keine Nachwuchsprobleme hatte. Zweitens ließ es die Prophezeiung von Martina Voss wahr werden: "Wir putzen sie weg!", hatte die Stürmerin vor dem Spiel gesagt. Dass das wirklich gelang, überraschte jene Kritiker, die auf eine 2:4-Niederlage gegen die USA in der Vorbereitung verwiesen hatten, um Zweifel am Team anzumelden. Doch Bisanz war von Anfang an überzeugt von seinem Kader gewesen: "Die Niederlage gegen die Amerikanerinnen fiel in den Endspurt um die Deutsche Meisterschaft, daher waren viele Spielerinnen nicht frei im Kopf. Ich will das Ergebnis also nicht so stark werten. Wir haben eine sehr gute Chance, als Europameister nach Hause zurückzukehren."

Die letzte Hürde auf dem Weg zu diesem Ziel war schon wieder Norwegen. Das Team hatte in seinem Halbfinale gegen Dänemark kein Tor geschossen, aber auch keines kassiert, sodass insgesamt 18 Elfmeter die Entscheidung bringen mussten. Das wollten die Skandinavierinnen im Endspiel offenbar wiederholen, denn am 14. Juli 1991 mauerten sie sich vor 6.000 Zuschauern in Aalborg ein und waren in der Wahl ihrer Mittel auch sonst nicht zimperlich. Nach 54 Minuten schien dann alles schief zu gehen, denn da gingen die Norwegerinnen sogar durch die junge Birthe Hegstad in Führung. Aber mit diesem Treffer weckten sie die Deutschen geradezu auf, die plötzlich weniger übereifrig und nervös wirkten. Nach 62 Minuten gelang Heidi Mohr der Ausgleich, und Norwegen konnte von Glück sagen, dass es sich in die Verlängerung rettete. Die war aber schon nach 360 Sekunden entschieden: In der 83. Minute markierte Mohr ihren 25. Länderspieltreffer, in der 86. Minute erhöhte Silvia Neid auf 3:1. Einer der ersten Gratulanten war - genau wie zwei Jahre zuvor - Sven Isbert, der kleine Sohn der deutschen Torhüterin Marion Isbert.
 

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Die EM 1993 wird zum Rückschlag

Als die Qualifikationsspiele zur EM-Endrunde 1993 begannen, war die deutsche Nationalelf seit dem Oktober 1985, seit einer 0:1-Niederlage gegen Finnland in Turku, in offiziellen Spielen um diesen Titel unbesiegt und hatte zweimal den Pokal in die Höhe recken dürfen. Dass diese unheimliche Serie nicht ewig halten würde, war den Fans natürlich bewusst. Aber die beiden Nachmittage in den italienischen Städten Rimini und Riccione, die Deutschland schließlich auf den Boden der Realität zurückholten, wurden daheim dennoch mit Erstaunen aufgenommen. Das "kicker Sportmagazin" sprach von einem "unerwarteten Absturz" und einem "Rückschlag". Das war erstens zu hoch gegriffen, denn schließlich spielten die deutschen Frauen gegen gute Teams und hatten viel Pech. Zweitens hätte man schon im Vorfeld des Turniers ahnen können, dass es dieses Mal nicht so gut laufen würde, denn die Vorbereitung der Mannschaft hatte zu wünschen übrig gelassen.

Das war aber nicht die Schuld des Trainers Gero Bisanz, sondern einfach eine Laune des Schicksals. Während alle Favoriten in ihren Qualifikationsgruppen echte Wettkampfpraxis bekamen, konnte Deutschland wegen der Unruhen auf dem Balkan nur eine Partie bestreiten: Jugoslawien verlegte sein Heimspiel gegen die DFB-Elf nach Sofia in Bulgarien, unterlag dort 0:3 und trat dann zum Rückspiel gar nicht mehr an, weil das Land sich im Kriegszustand befand. Und im Viertelfinale bekamen es die deutschen Frauen nicht mit Schweden, England oder Holland zu tun, sondern mit dem höchstens zweitklassigen Russland.

Manchmal freut man sich vielleicht über einen solch leichten Gegner, aber als Deutschland am 11. Oktober 1992 zu einem lockeren 7:0 in Moskau kam (gleich fünf Spielerinnen trugen sich in die Torschützenliste ein), waren die Probleme wohl schon programmiert. Seit der WM im Spätherbst 1991 hatte das Team von Gero Bisanz nur eine Partie bestritten, in der die Elf gefordert wurde (ein 1:1 gegen Italien), alle anderen Spiele waren eher wie Trainingsmatches - etwa ein 7:0 gegen Frankreich oder ein 4:0 gegen Polen.

Das machte sich schon beim Rückspiel gegen Russland bemerkbar, denn vor 2.400 enttäuschten Zuschauern in Rheine kam Deutschland nur zu einem peinlichen 0:0. "Mit der spielerischen Leistung bin ich nicht zufrieden", grummelte Bisanz, setzte aber hinzu: "Bis zum Turnier ist noch genügend Zeit, um an unseren Schwächen zu arbeiten." Das tat die Mannschaft dann auch, indem sie in den folgenden Monaten gegen starke Gegner antrat, allein dreimal gegen den amtierenden Weltmeister USA. Aber vielleicht kamen diese Härtetest zu spät, wer weiß.

Am Mittwoch, dem 30. Juni 1993, übertrug die ARD live - wenn auch mit kleinerer Verzögerung - das Halbfinale der EM zwischen Deutschland und den guten alten Bekannten aus Italien. Zum dritten Mal in Folge bestritten diese beiden Team die Vorschlussrunde der EM - und im dritten Anlauf siegten nun die Italienerinnen, übrigens unter der Leitung des berühmten schwedischen Schiedsrichters Anders Frisk. Doch es hätte anders kommen können: Heidi Mohr brachte ihre Farben nach einer knappen Stunde in Führung, was bei der Vielzahl der deutschen Chancen mehr als überfällig war. Doch die Gastgeberinnen schlugen in Person der großartigen Carolina Morace prompt zurück. Ein Platzverweis gegen Jutta Nardenbach ließ dann sogar Italien die Oberhand gewinnen, aber die Entscheidung zugunsten der Azur-Blauen fiel erst im Elfmeterschießen. Eine der besten deutschen Spielerinnen sah diese Partie bloß von der Tribüne: Martina Voss war hochschwanger und konnte ihre Kolleginnen nur indirekt unterstützen. Silvia Neid musste zudem leicht angeschlagen in die Partie gehen, aber das soll den Sieg Italiens nicht schmälern: Die Elf war nach vielen vergeblichen Anläufen einfach mal dran.

Drei Tage später verlor Deutschland auch das Spiel um den dritten Platz gegen Dänemark. Wieder vergab das Team viele gute Chancen und kam nur zu einem Tor durch einen herrlichen Freistoß von Maren Meinert. Die Däninnen trafen hingegen dreimal - wieder unter den gestrengen Augen eines Referees, der später zur absoluten Spitze im Männerbereich aufstiegen würde, des Holländers Dick Jol. Bisanz nahm die Niederlage souverän auf und verwies auf die Zukunft: "Wir haben noch eine sehr junge Mannschaft, in zwei Jahren wird wieder alles anders aussehen." (Der Kader war im Durchschnitt 23,2 Jahre alt.)

Das Finale am 4. Juli 1993 in Cesena gewann Norwegen mit 1:0 gegen Italien, also mit demselben Ergebnis, mit dem der neue Europameister schon sein Halbfinale gegen Dänemark beendet hatte. Den entscheidenden Treffer des Endspiels markierte Birthe Hegstad in der 85. Minute.
 

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Birgit Prinz als Entdeckung der EM 1995
 

Die sechsten offiziellen Europameisterschaften (das Turnier von 1979 fand ja nicht unter der Schirmherrschaft der UEFA statt) endeten für Deutschland mit einem weiteren Triumph - aber in gewisser Weise markierte der Wettbewerb den ersten leichten Rückschlag für den hiesigen Frauenfußball nach vielen Jahren des stetigen Aufschwungs. So war das Halbfinalrückspiel der deutschen Mannschaft gegen England erst am Spieltag selbst, einem Donnerstag, dem "kicker" ein paar Absätze wert - am Montag davor wurde die Partie in Bochum mit keinem Wort erwähnt. Und die im nahen Essen beheimatete Fachzeitung "Revier Sport" brachte in ihrer knappen Vorschau wenig mehr zustande als den Satz: "Heute beackert das 'schwache Geschlecht' den Rasen des Ruhrstadions." (Drei Tage später vermeldete die Sonntagsausgabe nicht einmal das Ergebnis.) Zu allem Überfluss wurde die Begegnung nicht live in Fernsehen übertragen, sondern erst anderthalb Stunden nach Abpfiff als Aufzeichnung ausgestrahlt.

 
Patricia Brocker schoss ein wichtiges Tor im Halbfinale und machte im Endspiel dem "Joker" Platz.
Aber man muss den Medien zugestehen, dass ihre Ignoranz nicht völlig grundlos war. Zum einen nahm der Zwei-Jahres-Rhythmus der Frauen-EM viel von ihrer Bedeutung, außerdem war es ohnehin nicht ganz leicht, im Dickicht der Turniere die Übersicht zu behalten: Nur drei Monate nach der EM startete Deutschland schon in die WM, und für das nächste Jahr standen die Olympischen Spiele an, die für die Frauen schon immer eine größere Bedeutung hatten als für den Männer-Fußball. Zweitens war die Terminierung der EM wieder einmal ungünstig. So fand Deutschlands Halbfinale am Tag nach dem Länderspiel der Männer gegen Spanien statt, während das Finale kurz vor dem Treffen von Klinsmann und Co. mit Georgien ausgetragen wurde. Drittens war der Modus geändert worden, sodass es keine richtige Endrunde gab. Viertens spielten die Frauen jetzt 90 Minuten (nicht mehr nur 80), was vielen kleineren Team konditionelle Probleme bereitete und zu mehr als einseitigen Ergebnissen führte. (In den sechs Gruppenspielen und den beiden Viertelfinals gegen Russland schoss die deutsche Elf 59 Tore und kassierte - keines!) Schließlich hatte es für die Beobachter den Anschein, als spielten immer dieselben Teams um den Pokal: Norwegen war zum fünften Mal in Folge im Halbfinale, Deutschland zum vierten Mal hintereinander, Schweden zum vierten Mal seit 1984. 

Nichts auszusetzen gab es hingegen an den Leistungen, die auf dem Platz gezeigt wurden. Vor den Halbfinals gegen England warnte Gero Bisanz' Assistentin Tina Theune-Meyer: "Die Britinnen sind kopfballstark und kommen mit weiten Pässen schnell in den Strafraum." Tatsächlich musste die deutsche Elf in Watford schon nach sieben Minuten ihr erstes Gegentor dieser EM hinnehmen, aber Heidi Mohr und Patricia Brocker drehten die Partie. In den letzten zehn Minuten ging dem Gegner die Kraft aus, und Deutschland erhöhte sogar auf 4:1. Das Rückspiel am 23. Februar 1995 war dann eine engere Angelegenheit, erst ein Eigentor und ein später Treffer der 17-jährigen Birgit Prinz sicherten im Ruhrstadion einen 2:1-Sieg. Als die Partie abgepfiffen wurde, rechneten die deutschen Frauen damit, im Endspiel wieder einmal auf Norwegen zu treffen, das sein Hinspiel gegen Schweden gewonnen hatte. Dann aber kam alles anders: Zwei Wochen später, am 5. März, überrollte Schweden den skandinavischen Rivalen daheim mit 4:1 und stand im Finale. (Diese Partie wurde übrigens in einer Halle in Jonköping gespielt.)
Das war nun nicht nach dem Geschmack von Gero Bisanz, denn die deutsche Elf hatte nur gegen zwei Teams eine negative Bilanz, gegen die USA und eben Schweden. Die Statistik war aber vor dem Finale am 26. März 1995 noch die kleinste Sorge, die Bisanz umtrieb. Doris Fitschen hatte sich im Winter einen Kreuzbandriss zugezogen, und kurz vor dem großen Tag fiel auch noch Jutta Nardenbach aus. So setzte Bisanz große Hoffnungen in den Austragungsort, Kaiserslautern. Er wurde nicht enttäuscht: Mit dem Anpfiff um 13.00 Uhr sorgten fast 9.000 deutsche Fans für eine tolle Stimmung.

Wie schon beide Halbfinals gegen England, so begann auch das Endspiel
Bettina Wiegmann (Nummer 8) hat das entscheidende 3:1 geschossen. Zweite von links: die 17-jährige Birgit Prinz.
denkbar schlecht. Nach sechs Minuten gingen die Schwedinnen in Führung, in der achten Minute setzte Dagmar Pohlmann einen Elfmeter an den Pfosten. Doch die deutsche Elf verlor nicht ihre Linie und wurde noch vor der Pause durch Maren Meinerts 1:1 für ihr überlegenes Spiel belohnt. In der 62. Minute kam dann Birgit Prinz für die müde Patricia Brocker auf den Rasen, und nur 120 Sekunden später stach der Joker. Dieses 2:1 war die halbe Miete, Bettina Wiegmanns 3:1 (84.) die Entscheidung, denn Schweden schaffte kurz vor Schluss nur noch ein Anschlusstor. "Auf der einen Seite bin ich es gewohnt, dass Birgit Prinz ein Tor macht, wenn ich sie bringe", sagte Bisanz über seinen Teenager. "Auf der anderen Seite kann man so etwas nicht vorhersehen." Heute, zehn Jahre später, wissen wir, dass man bei Prinz sehr wohl vorhersehen kann, dass sie ein Tor erzielen wird.

 
1.6.2005 - Rückblick Sechs: EM 97, das Turnier der Überraschungen
 

Die Europameisterschaft 1997 wartete mit einigen Neuerungen auf, die dem Wettbewerb alle guttaten. Zum einen gab es zum ersten Mal ein richtiges Endturnier (29.6. bis 12.7.1997) mit acht Teilnehmern, die in zwei Gruppen starteten und die Halbfinalisten ermittelten. Die Austragungsorte, Norwegen und Schweden, waren dem Ereignis angemessen, denn Skandinavien galt immer noch als Hochburg des Frauenfußballs, trotz der letzten Erfolge Deutschlands und dem Aufstreben des Spiels in den USA. Zum zweiten wurden die Partien in die Sommerpause gelegt, sodass man höchstens mit drögen UI-Cup-Kicks der Männer konkurrieren musste. Prompt stand die EM im Rampenlicht wie selten zuvor: Kurz nach dem Finale meldete sich der Bundeskanzler per Telegramm zu Wort, und am Montag nach dem Endspiel schaffte es die DFB-Elf endlich auf die erste Seite des Innenteils der führenden deutschen Fußballzeitschrift.

 
Der deutsche Kader hatte 1997 ein Durchschnittsalter von gerade 22 Jahren.
Der Weg bis dahin war aber für das deutsche Team nicht einfach gewesen, und das lag vor allem an einem alten, lieben Rivalen. In der Qualifikationsgruppe A widerfuhr der DFB-Auswahl etwas völlig Ungewohntes, nämlich eine Niederlage. Das 1:3 gegen Norwegen in Jena schickte Deutschland in die Playoffs, denn trotz eines 0:0 beim Rückspiel in Trondheim waren die Skandinavierinnen nicht mehr vom ersten Platz zu verdrängen. Vor diesen Relegationsspielen stand aber erst das 1996er Olympische Turnier in Atlanta an, und auch hier waren die Deutschen in einer Gruppe mit Norwegen - und verloren schon wieder. Dieses Resultat verbaute den Weg in die Halbfinals, und so trat Trainer Gero Bisanz mit einem Misserfolgserlebnis nach vierzehn (!) schönen Jahren sein Amt an Tina Theune-Meyer ab.

Theune-Meyer, die Tochter eines Leichtathleten und einer Handballerin, war seit 1985 in Besitz einer Fußballlehrer-Lizenz (damals als erste Frau in Deutschland), nun stand sie endlich in der alleinigen Verantwortung. "Ein bisschen kribbelt es schon", sagte sie, aber das war sicherlich untertrieben. Dass ihre Elf mit zwei sicheren Siegen gegen Island die Playoffs gewann und zur EM fuhr, beruhigte ihre Nerven, so dürfen wir vermuten, nur kurzfristig. Die deutsche Elf war verjüngt worden - so bestritt Silvia Neid kurz vor Turnierbeginn ihr Abschiedsspiel -, musste den Ausfall von Anouschka Bernhard verkraften und war zu allem Überfluss schon wieder in eine Gruppe mit Norwegen gelost worden, das seine Spiele natürlich vor der heimischen Kulisse in den Städten Moss und Lilleström austragen durfte. Ach ja, amtierender Weltmeister war Norwegen auch noch. "Wir müssen im ersten Spiel gegen Italien Selbstvertrauen tanken für die schweren Partien gegen Norwegen und Dänemark", gab Theue-Meyer die Losung aus.

 
Nach der Verletzung von Martina Voss übernahm Doris Fitschen die Kapitänsbinde.
Nun, das gelang nicht. Dabei sah eine Stunde lang alles nach einem Sieg gegen die, wenn man das sagen darf, schon etwas betagten italienischen Stars aus. Kurz nach der Pause köpfte Maren Meinert das 1:0, und nur fünf Minuten später wurde Italien durch einen Platzverweis dezimiert. Doch nach dem Spiel würde die deutsche Torschützin motzen müssen: "Anstatt sie auszuspielen, erlauben wir ihnen, uns den Ausgleich zu verpassen!" Der fiel durch Antonella Carta nach einem indirekten Freistoß und in der 61. Minuten. In den Reihen der Italienerinnen standen übrigens Carolina Morace, jetzt die Trainerin der Elf, und Patrizia Panico, damals das Küken, heute der große Sturmstar der "Azzurri".
Drei Tage später gelang Deutschland gegen den Angstgegner Norwegen zwar ein 0:0, aber die Sorgenfalten bei Theune-Meyer wurden trotzdem immer größer. Zwei Minuten vor der Pause zog sich Spielführerin Martina Voss einen Innenbandriss im Knie zu. "Seit vier Jahren hatte ich keine Pause, mein Korper hat sich jetzt gewehrt", sagte sie traurig. Immerhin trotzte die Elf dem Turnierfavoriten ein Remis ab, das die Chancen auf den Einzug ins Halbfinale wahrte, und ließ sich auch von 8.000 Fans der Norwegerinnen nicht kirre machen. Die Belohnung folgte beim abschließenden 2:0-Sieg gegen Dänemark durch Tore von Monika Meyer und Birgit Prinz. Beide Treffer fielen erst in der Schlussphase, aber Theune-Meyer war das egal: "Unsere Spielerinnen sind hier gereift. Jetzt ist alles möglich." In der Tat: Aus Lilleström kam die unglaubliche Kunde, dass Norwegen gegen Italien verloren hatte und ausgeschieden war!

Im Halbfinale traf Deutschland auf den zweiten Gastgeber, Schweden. Die Wiederauflage des 95er EM-Finals hatte denselben Sieger - Deutschland. Den einzigen Treffer des Tages markierte Bettina Wiegmann sieben Minuten vor Schluss mit einem Heber, der ihre gute Technik und ihre noch besseren Nerven bewies. Etwa 4.200 Fans im schwedischen Karlstad waren fassungslos, als Torfrau Silke Rottenberg in der 90. Minute eine fantsatische Parade zeigte und die letzte von vielen schwedischen Chancen zunichte machte. "Jetzt ist die Chance auf die Titelverteidigung riesengroß", sagte die neue Kapitänin Doris Fitschen.

 
Birgit Prinz hat gerade zum 2:0 getroffen, Italien ist besiegt.
Sie behielt am 12. Juli 1997 in Oslo Recht, weil Italien - wie erwähnt - die ältere Elf stellte und nach einem langen Turnier nicht so frisch wirkte wie Deutschland. Schon beim 2:1-Halbfinalsieg über Spanien hatte Italien viel ackern müssen und kassierte dann auch noch nach erst 23 Minuten des Endspiels das 0:1 durch einen Freistoß von Sandra Minnert. Als Birgit Prinz kurz nach der Pause mit einem feinen Schuss auf 2:0 erhöhte, konnten die Azur-Blauen nichts mehr zusetzen. "Wir haben mit einer jungen Elf den Titel überraschend verteidigt", sagte Theune-Meyer und fügte optimistisch hinzu: "Wir sind noch nicht am Limit." Egidius Braun, Präsident des DFB, verkündete derweil, Steffi Jones habe gespielt wie der junge Franz Beckenbauer. Das verhieß eine rosige Zukunft.      
 
 

 

 

6.6.2005 - Rückblick Sieben: Golden Goal entscheidet EM 2001
 

 
Die "beste Mannschaft, die es je gegeben hat", wie Tina Theune-Meyer nach dem Turnier sagte.
Zwölf Jahre nach dem 1989er Turnier fand vom 23. Juni bis zum 7. Juli 2001 wieder eine Europameisterschaft in Deutschland statt. Sie zeigte spannenden und hochklassigen Sport - vor allem aber bewies sie, welche Quantensprünge der Frauenfußball in kaum mehr als einem Jahrzehnt gemacht hatte. Feierten die Fans 1989 noch die Tatsache, dass überhaupt zum ersten Mal ein Spiel der Frauen übertragen wurde, entging den Kameras 2001 nichts mehr: ARD und ZDF wechselten sich bei den Partien der deutschen Mannschaft ab, alle anderen Begegnungen wurden von Eurosport live und in voller Länge gezeigt. Auch der Zuschauerzuspruch vor Ort war erstaunlich. Galt bis dahin die Faustregel, dass allein der Gastgeber auf eine gute Kulisse hoffen konnte, kamen nun mehr als 3.000 Fans zum Spiel Norwegen gegen Frankreich, mehr als 5.000 zur Partie Frankreich gegen Dänemark, gar 6.500 zum Treffen zwischen Norwegen und Italien. Und der Bundeskanzler schickte dieses Mal nicht erst nach dem Titelgewinn ein Telegramm, sondern war gleich Schirmherr der Veranstaltung. "Ich wünsche der deutschen Mannschaft viel Erfolg und hoffe, dass sie ganz weit kommt", sagte Gerhard Schröder am Tag der Eröffnung - sein Wunsch war dem Team Befehl.

Deutschland begann die EM gleich mit einem Spiel gegen den schwersten Gruppengegner, Schweden. "Das wird eine ganz knappe Angelegenheit", prophezeite Trainerin Tina Theune-Meyer, und Spielführerin Doris Fitschen erklärte den Journalisten, man habe vielleicht auch mit einem Remis zufrieden zu sein. Selbst dieses Minimalziel schien lange in Gefahr. Hanna Ljungberg schoss die Schwedinnen vor 10.000 entsetzten Zuschauern in  Erfurt in Führung. Ein Kopfball von Claudia Müller brachte zwar noch vor der Pause den Ausgleich, aber nach dem Wechsel benötigten die deutschen Spielerinnen Geschick und Glück: Torfrau Silke Rottenberg, die bei Ljungbergs Treffer gepatzt hatte, parierte einen gefährlichen Schuss von Malin Moström, dann wurde den Schwedinnen ein Elfmeter verweigert, schließlich musste Sandra Minnert auf der Torlinie retten. Doch angetrieben von der überragenden Renate Lingor riss die DFB-Elf zunehmend das Kommando an sich. Nach etwas mehr als einer Stunde erzielte Müller ihren zweiten Treffer des Tages, in der 78. Minute erhöhte Maren Meinert gar auf 3:1.

 
Doris Fitschen durfte mit einem Titel abtreten.
Damit war das Halbfinale eigentlich bereits erreicht. Die beiden anderen Teams in der deutschen Gruppe, Russland und England, besaßen jedenfalls nicht das Kaliber, um dem DFB-Team gefährlich zu werden. Zwar hatten die Russinnen einen Monat vor der EM ein 1:1 gegen Deutschland erreicht und wurden von jemandem trainiert, der Land und Leute gut kannte - Maria Burakowa, die mal für Flaesheim-Hillen aktiv gewesen war. Aber als es wirklich um etwas ging, zeigte sich, dass die Osteuropäerinnen noch nicht das Niveau Deutschlands hatten: 43 Minuten hielt ihr Bollwerk, dann schossen Bettina Wiegmann, Birgit Prinz, Maren Meinert und zweimal Sandra Smisek ein 5:0 heraus. Auch England stellte keinen echten Prüfstein dar, weil das Team sich erst im Aufbau befand - ein Drittel des Kaders war jünger als 22. So sahen 11.000 Zuschauer in Jena ein 3:0 durch Treffer von Petra Wimbersky, Wiegmann und Lingor.
Nun waren die üblichen Verdächtigen im Halbfinale unter sich: Deutschland und das skandinavische Trio Schweden, Norwegen, Dänemark. Zwar hatte es eine Vorschlussrunde in genau dieser Besetzung noch nicht gegeben, aber zusammen mit Italien waren diese vier Teams unzweifelhaft jene Mannschaften, die man stets in der Nähe erwarten durfte, wenn es einen Titel zu vergeben gab. Diese Konstanz an der kontinentalen Spitze zeigt sich auch daran, dass von den acht Mannschaften, die 2001 die Endrunde bestritten, vier Jahre später sieben erneut mit von der Partie sein sollten. (Bei der EM 2005 fehlen nur die Russinnen, weil sie in den Playoffs Finnland unterlagen.)

Doch so eng es an der Spitze auch zugehen mochte, die deutschen Frauen erwiesen sich wieder einmal als einen kleinen Tick besser als die Konkurrenz. Beim Halbfinale gegen Norwegen zitterten 13.000 Fans im Glutofen von Ulm mit ihrer Elf, die lange große Probleme mit dem amtierenden Olympiasieger hatte. In der Anfangsphase hätten die Norwegerinnen einen Strafstoß bekommen müssen, dann entwickelte sich ein  zähes Ringen ohne große Strafraumszenen. In der 57. Minute setzte sich Birgit Prinz wieder einmal durch, die ihren Gegnerinnen die ganze Partie über nur die Hacken zeigte, und flankte auf Sandra Smisek, deren Kopfball das Spiel entschied. "Es war ein spannendes, ein faszinierendes Spiel", freute sich Theune-Meyer, während Prinz schon vorausblickte: "Das Endspiel wird genauso hart, obwohl wir den schwersten Gegner heute geschlagen haben."

 
Claudia Müllers wichtigster Schuss ...
Das Finale vom 7. Juli 2001 schloss einen Kreis, denn es war eine Neuauflage des Eröffnungsspiels. Schweden konnte im anderen Halbfinale nämlich Dänemark durch ein frühes Tor von Tina Nördlung schlagen - und brannte auf Revanche. "Ich hoffe, wir sehen die Deutschen bald wieder", hatte Trainerin Marika Domanski-Lyfors direkt nach dem 1:3 gesagt und nun ihren Willen bekommen. Und ihr Star, Hanna Ljungberg, setzte hinzu: "Wir trauen uns zu, über EM-Gold zu sprechen." Einen weiteren Motivationsschub bekam sie sicher am Tag des Endspiels, denn Ulm - wo drei Tage zuvor noch die Luft vor Hitze geflimmert hatte - ertrank geradezu in fast skandinavischen Regenschauern.

 
... und ihr berühmtester Jubel.
Knapp 18.000 Zuschauer sahen die Begegnung im Stadion, fast vier Millionen verfolgten sie am Fernseher. Für sie alle wurde es ein langer Nachmittag, denn in 90 Minuten fiel kein Tor zwischen Deutschland und Schweden, was aber nicht heißt, dass es keine Aufreger gegeben hätte. Smisek vergab zu Beginn zwei Chancen, dann kamen die Schwedinnen stark auf und zwangen Rottenberg zu so mancher guten Parade. In der Schlussphase waren es wiederum die Deutschen, die den Ton angaben. Claudia Müller kam in der 55. Minute für Smisek auf den Rasen und erhielt prompt zwei sehr gute Möglichkeiten, von denen sie später sagen würde, dass sie sie "trottelig" vergeben habe. Das aber nahm ihr niemand krumm. In der achten Minute der Verlängerung bekam sie nämlich auf Vorarbeit von Maren Meinert ihre dritte Chance - und diese nutze sie. Ihr Rechtsschuss war wegen der "Golden Goal"-Regel die Entscheidung und gewann den Titel für eine Elf, die Theune-Meyer anschließend als "die beste, die es je gegeben hat" bezeichnete. Noch mehr freute sich wohl nur Doris Fitschen. Ihr 144. Länderspiel war zugleich ihr letztes - und besser kann man nicht abtreten.