Biografie *

* Quelle: Munzinger Archiv

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Zur Person

Doris Fitschen ("Fitschi") war als Libero im deutschen Frauenfußball über Jahre ohne Konkurrenz und für viele Experten sogar der beste weibliche Libero Europas, wenn nicht weltweit. Die blonde Fußballerin wurde bereits während der Weltmeisterschaft 1991 in China in den chinesischen Sportzeitungen als "weiblicher Beckenbauer" gefeiert. Für die frühere Rekordnationalspielerin und Assistenz-Bundestrainerin Silvia Neid hat sich Fitschen als Allroundspielerin verdient gemacht, die jede ihr zugewiesene Position immer bestmöglich zu nutzen versucht.

   

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Sportliche Laufbahn

Doris Fitschen begann 1978 mit neun Jahren beim FC Hesedorf, einem Ort im äußersten Nordwesten der Lüneburger Heide, mit dem Fußballspielen. Ihr Interesse für diesen Sport war beim Feierabendkick mit den Lehrlingen auf dem elterlichen Bauernhof entstanden. Daneben betrieb sie anfangs auch Leichtathletik. Später schloß sich das Mädchenteam des FC Hesedorf mit dem TuS Westerholz zusammen, und unter diesem Namen stieg die Mannschaft bis in die Landesliga auf.

1988 wechselte Doris Fitschen zu Eintracht Wolfsburg. Grund für die Veränderung war die Aussicht, beim Volkswagenkonzern nach dem Abitur eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu absolvieren und daneben weiterhin erstklassigen Fußball zu spielen. Doris Fitschen blieb danach vier Jahre in Wolfsburg und trug auch beim Bundesligastart 1990 das Trikot der Niedersächsinnen, die die Saison auf dem fünften Platz abschlossen. In der Spielzeit 1991/92 war Doris Fitschen mit 16 Treffern erfolgreichste Torschützin der Nordgruppe und einzige Spielerin, die während der Saison einen Hattrick erzielte. Im Sommer 1992 wechselte sie dann zum TSV Siegen.

Ihren Länderspieleinstand feierte Doris Fitschen am 4. Oktober 1986 beim 2:0-Erfolg gegen Dänemark. Als Mittelstürmerin aufgeboten, erzielte die knapp 18jährige Debütantin sofort einen Treffer. Seither gehört sie zum festen Stamm des Teams der Trainer Gero Bisanz (seit 1996 nicht mehr im Amt) und Tina Theune-Meyer.

 

Seit Ende 1988 wurde sie verstärkt im Mittelfeld eingesetzt. Bei der EM-Endrunde 1989 in der Bundesrepublik, bei der sich die DFB-Auswahl erstmals den Titel sicherte, war Doris Fitschen mit 20 Jahren jüngste Spielerin.

 



Im November 1990 spielte Doris Fitschen beim 4:1 über England im EM-Viertelfinale erstmals auf dem Liberoposten. "Bundestrainer Gero Bisanz ließ mich Libero spielen und war wohl ganz zufrieden mit mir", erinnert sie sich an ihre "Rückversetzung", die zunächst nur im Nationalteam erfolgte, denn im Verein spielte die "großgewachsene Fußballästhetin" (DIEDA) vorerst weiterhin im Mittelfeld.

 Im Juli 1991 gehörte sie zur Elf, die in der Neuauflage des vorherigen Endspiels zum zweiten Mal Europameister wurde.

Bei der Weltmeisterschaft im folgenden Herbst in China war Doris Fitschen eine der besten Spielerinnen des gesamten Turniers und wurde auch ins All-Star-Team gewählt. Ein deutscher Journalist bei der WM kommentierte: "Sie hat den spielgestaltenden Libero wieder in den deutschen Fußball eingeführt." Dennoch konnte sie nicht verhindern, daß die DFB-Auswahl mit Platz vier nicht ganz die Erwartungen erfüllte.

Der Wechsel von Wolfsburg zum TSV Siegen, damals mit drei Meisterschaftsgewinnen in Folge erfolgreichster deutscher Verein, bedeutete für Doris Fitschen zumindest einen kleinen Schritt in Richtung einer stärkeren Professionalisierung. Bis dahin ausschließlich mit der Nationalelf erfolgreich auf Titeljagd, stellten sich jetzt auch auf nationaler Ebene Erfolge ein: Zweimal (1994 und 1996) wurde sie mit dem TSV Siegen Deutscher Meister, einmal (1993) DFB-Pokalsieger und einmal (1992) Gewinner des nationalen Super-Cups. Zuletzt war Doris Fitschen in Siegen auch Spielführerin.

Im Januar 1995 und damit ausgerechnet zu Beginn jenen Jahres, in welchem mit der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft gleich zwei internationale Höhepunkte anstanden, erlitt Doris Fitschen einen Kreuzbandriß, der sie dann zu einer langen Pause zwang und die Teilnahme an EM und WM unmöglich machte. In dieser Zeit lernte sie, "daß Fußball nicht alles ist" (FR, 5.11.1997).

Erst 1996 kehrte sie wieder in die Nationalmannschaft zurück, konnte bei den Olympischen Spielen das vorzeitige Ausscheiden Deutschlands aber auch nicht verhindern. Atlanta wurde denn auch für sie zur "größten sportlichen Enttäuschung", wobei sie zugibt, auch selbst "ziemlich schwach" gespielt zu haben.

Im Sommer 1996 verließ Doris Fitschen, die sich stets vehement für das Halbprofitum im deutschen Frauenfußball aussprach ("Anders ist der notwendige große Aufwand nicht zu leisten"), den TSV Siegen und wechselte zum deutschen Vizemeister SG Praunheim. Ende 1997 verlängerte Fitschen dort ihren Vertrag bis zum Sommer 2000. Damit war ein Wechsel in die japanische Profiliga (eine entsprechende Klausel hatte sie sich in ihren ersten Vertrag einbauen lassen) vorerst vom Tisch. 1996 hatte Doris Fitschen mit einem Wechsel nach Japan geliebäugelt und auch ein konkretes Angebot (100.000 US$ für vier Monate) vorliegen.
Doch der DFB drohte damals, Spielerinnen im Ausland nicht mehr zu berücksichtigen und das hätte die Aufgabe des Wunschtraumes Olympische Spiele bedeutet.

1997 war erneut ein Erfolgsjahr für Doris Fitschen. Zunächst siegte sie mit der SG Praunheim beim DFB-Hallenmasters in Frankfurt, war dann mit der Auswahl Hessens beim Länderpokal erfolgreich, und sicherte sich in der Bundesliga mit einem zweiten Platz in der Gruppe Süd den direkten Aufstieg in die neue eingleisige Bundesliga. Als größter Erfolg des Jahres gelang ihr im Juli 1997 mit der Nationalmannschaft der erneute Gewinn der Europameisterschaft. Trotz einer Verletzung am großen Zeh gehörte Allroundtalent Doris Fitschen, die in Vertretung der verletzten Martina Voss die Spielführerrolle übernahm, wiederum zu den Leistungsträgerinnen und wurde von der UEFA ins All-Star-Team gewählt.

  



Am 6. Nov. 1997 bestritt Fitschen in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen ihr hundertstes Länderspiel. Nach Silvia Neid, Martina Voss und Heidi Mohr wurde Fitschen damit die vierte deutsche Frau im "Hunderterclub". "Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich jetzt ausgesorgt", kommentierte Fitschen in einem Interview anläßlich ihres hundertsten Länderspiels ihre Erfolge (DFB-Journal, 4/1997) und wies gleichzeitig auf die Probleme des Frauenfußballs hin.

Die erste Saison der eingleisigen Bundesliga, die als Schritt zur Aufwertung des Frauenfußballs gesehen wurde, schloß die SG Praunheim 1998 als Vizemeister ab. Nach dem Erfolg des Bundesligakonzepts wurden auch Forderungen nach einem UEFA-Cup für Frauen laut. Nach Fitschens Meinung würde Frauenfußball dadurch noch interessanter und ein Pokal der Landesmeister mit Begegnungen der SG Praunheim gegen Arsenal London oder Lazio Rom wäre sehr nach ihrem Geschmack (DIEDA, 19/98).



Nach der WM 1999 in den USA und Olympia 2000 in Sydney, wo Doris Fitschen sich noch einmal Medaillenhoffnungen erfüllen will, soll für sie allerdings zumindest auf internationaler Ebene die Fußballkarriere beendet sein. Zusammen mit Martina Voss gehört Fitschen Ende der 90er Jahre zu den "Ältesten" im Nationalteam, zu den Leitfiguren, die nach Ansicht von Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer die jungen Nachwuchskräfte führen sollen.

Doris Fitschen besticht durch Spielintelligenz, Übersicht, Kopfballstärke und durch ihre dynamischen Vorstöße in den Angriff. Als der damalige Bundestrainer Gero Bisanz, den Fitschen einmal neben ihrem "Entdecker" und ersten Coach der Westerholzer Jahre, Friedrich Rathjen, als wichtigsten Trainer ihrer Laufbahn bezeichnete, sie im November 1989 erstmals auf der Liberoposition ausprobierte, nannte er als Gründe: "Doris spielt körperlich sehr engagiert und präzise. Sie hat das erforderliche Durchsetzungsvermögen, die Zweikampfstärke, die Technik und die Spielintelligenz für diese Funktion." Dabei ist Doris Fitschen eine sehr vielseitige Spielerin, die einst im Angriff begann (auch in der Nationalmannschaft spielte sie anfangs Mittelstürmerin), später ins Mittelfeld zurückging, schließlich auf der Libero-Position landete und bei der EM 1997 wieder ins defensive Mittelfeld wechselte. Außerhalb des Spielfeldes eher ruhig, entwickelt Doris Fitschen, die sich als "optimistisch, aber auch realistisch" beschreibt, auf dem grünen Rasen viel Temperament.

Juli 1999 (MA-Journal) - Doris Fitschen und Bettina Wiegmann werden bei der WM in den USA trotz des Viertelfinal-Ausscheidens (2:3 gegen die USA) in das All-Star-Team gewählt.

Im Jahr 2000 holte sie bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille. Danach wechselte sie in die amerikanische Profiliga "WUSA" zu Philadelphia Charge. Hier erzielte sie das erste Tor in der Geschichte des Clubs (per Foulelfmeter gegen San Diego Spirit) und wurde 2001 zur besten Defensiv-Spielerin der Liga gewählt. Ihre Mannschaft wurde 4.

   

Ihre Karriere in der Nationalmannschaft beendete Doris Fitschen mit dem Finale der Europameisterschaft 2001 in Ulm. Die deutsche Elf siegte durch ein "Golden Goal" der Wolfsburgerin Claudia Müller gegen Schweden mit 1:0. Für die Spielführerin war die der erfolgreiche Abschluss ihrer 15-jährigen Nationalmannschaftskarriere. Sie spielte insgesamt 144 mal für Deutschland.

 

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Persönliches

Doris Fitschen, mit 175 cm Größe meistens eine der Längsten auf dem Spielfeld, ist gelernte Industriekauffrau, arbeitete später als Systementwicklerin. Seit 1993 studiert sie Betriebswirtschaft, zunächst an der Universität in Siegen, dann an der Fernuniversität in Hagen und schließlich an der Fachschule für Wirtschaft in Frankfurt. Im Sommer 1999, einen Tag vor dem Pokalfinale gegen den FCR Duisburg und zwei Tage vor dem Abflug zur WM nach Los Angeles, schloss sie das Studium ab.

Die Nationalspielerin könnte sich vorstellen, ihre Erfahrung als Spielerin mit den Kenntnissen des Studiums später einmal zu verbinden und im Sport-Marketingbereich etwas für das Image des Frauenfußballs zu tun ("Nötig wär's").

Zum Ausgleich spielt die Tochter eines Landwirts aus einem winzigen, lediglich aus fünf einzelnen Gehöften bestehenden Dorf in Niedersachsen Badminton. Außerdem hört sie gerne Radio oder beschäftigt sich mit dem Computer. Journalistische Erfahrungen sammelte sie als freie Mitarbeiterin beim WDR.

Seit November 2001 ist sie beim DFB im Bereich Marketing tätig.

 

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