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Doris Fitschen: Bettdecke und Flexibilität im Gepäck
Frankfurter Rundschau
(5. April 2000)
Frankfurter
Rundschau (25.02.2001)
Berliner Morgenpost (17. Februar 2000)
Berliner Morgenpost (26. Juni 1999) * * *
Doris Fitschen, Ex-Spielerin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, im Gespräch
Rotenburg. (ww). Länderspielzeit
in Rotenburg: Am 17. Juli ist die deutsche
U19-Frauen-Nationalmannschaft zu Gast im Ahe-Stadion.
Eine, die in ihrer aktiven Zeit zahlreiche sportliche
Erfolge verzeichnen konnte und nun beim Deutschen Fußball
Bund (DFB) tätig ist, ist Doris Fitschen
– einst aktiv beim TuS Westerholz. Gegenüber
Rundschau-Redakteurin Wibke Woyke bezog sie Stellung zum
Stellenwert des Frauenfußballs.
Rundschau: Frau Fitschen, Sie waren jüngst als Fußball-Expertin bei der Fernsehübertragung des DFB-Pokalspiels zu sehen. Verspüren Sie bei solchen Anlässen Wehmut, dass Sie nicht mehr aktiv eingreifen? Fitschen: Ich würde natürlich bei einem solchen Finale gerne spielen, das ist klar, denn es ist ein absolutes Highlight. Aber ich weiß auch, wieviel Arbeit und Training dazugehört. Von daher kann ich es ganz gut einschätzen und bin nicht traurig, dass ich aktiv nicht mehr dabei bin. Ich habe so etwas alles schon einmal erlebt und ich bin auch jetzt immer irgendwie beim Fußball dabei. Deshalb habe ich damit schon einigermaßen abgeschlossen. Rundschau: Trainieren Sie denn noch? Fitschen: Selten. Ab und zu trainiere ich mit bei meiner alten Mannschaft. Richtig spielen tue ich allerdings nicht mehr. Rundschau: Trotzdem wollen Sie laut Nachricht auf ihrer Homepage am 12. Juli anlässlich eines ganz besonderen Spiels noch einmal die Fußballschuhe schnüren: Eine Auswahl deutscher Ex-Nationalspielerinnen tritt gegen ein ebensolches Team der Schweiz an. Fühlen Sie sich fit genug? Fitschen: Naja, es ist eine Ü-30-Auswahl. Und bei den anderen Spielerinnen sind auch welche dabei, die jenseits der 40 sind. Da hoffe ich doch, mithalten zu können. Aber es geht hier auch nicht unbedingt darum, zu gewinnen, sondern einfach die alten Spielerinnen, mit denen man früher viel Zeit verbracht hat – auf dem Spielfeld und außerhalb einmal wiederzusehen. Das anschließende gemütliche Beisammensein ist mindestens so wichtig wie das Spiel selbst. Rundschau: Wie ist die Idee zu dem Spiel entstanden? Fitschen: Wir haben zusammen gesessen – unter anderem Silvia Neid, Sissy Raith und ich – und haben uns gesagt „Wäre doch mal schön, wenn man sich wieder trifft“. Gerade die Mitglieder der 89er Mannschaft, die in Osnabrück die Europameisterschaft gewonnen haben. Und so haben wir die ganze Sache dann angeleiert. Rundschau: Zu ihrer Aufgabe beim DFB. Woraus besteht ihr Haupttätigkeitsfeld? Fitschen: Wir sind hier mit zwei Kollegen im Bereich Sponsoring tätig. Das bedeutet, Sponsoren zu finden und zu betreuen. Letzteres heißt eben, bei den Länderspielen sowie bei Aufnahmen mit der Nationalmannschaft Werbespots oder Fototermine zu koordinieren, um die Sponsoren immer ins rechte Licht zu rücken. Rundschau: Kümmern Sie dabei ausschließlich um Mädchen- und Frauenfußball? Fitschen: Nein, die Aufgabe umfasst alle Bereiche. Rundschau: Sie tun also auch etwas für die Männer? Fitschen: Genau. Rundschau: Erst sei den 70ern dürfen Frauen organisiert Fußball spielen. Kann man den Vorsprung, den die männlichen Kicker haben, überhaupt aufholen? Fitschen: Wir haben da bereits ganz gut aufgeholt. Es wird sicherlich nicht so sein, dass irgendwann eine Frauenmannschaft gegen eine Herrenmannschaft der gleichen Spielklasse gewinnt. Dafür sind die Voraussetzungen zu unterschiedlich. Aber was Erfolge angeht, haben wir gegenüber der Herren-Nationalmannschaft schon kräftig nachgezogen. Auch was die Begeisterung in der Bevölkerung angeht, sind wir gut dabei. Rundschau: Fußball und Frau-en passen nicht zusammen – die Aussage hört man seltener? Fitschen: Viele Vorurteile wurden abgebaut. Zu meiner Anfangszeit hörte man am Spielfeldrand häufiger Machosprüche wie „Wann gibt’s denn endlich Trikottausch“. Das gibt es inzwischen weniger. Natürlich ab und zu immer noch, aber die Leute haben schon erkannt, dass Frauenfußball wirklich attraktiv ist. Auch die Medien. Viele Spiele werden live übertragen. Da hat sich einiges gewandelt. Rundschau: Hat sich auf Seiten der Frauen ebenfalls etwas getan? Drängen sportlich mehr in Richtung Fußball? Fitschen: Früher war es sehr exotisch, wenn Frauen Fußball spielten. Als ich angefangen habe, hatte der FC Hesedorf die einzige Mädchen- oder Frauenmannschaft im ganzen Landkreis. Inzwischen existieren viel mehr Teams, es gibt mehr als 800.000 weibliche Mitglieder im DFB - Tendenz steigend. Es entwickelt sich wirklich, geht aber auch nicht von heute auf morgen. Rundschau: Sicherlich kann noch mehr getan werden, um den Frauenfußball zu stärken. Müssen Vereine stärker für ihre Mädchenabteilungen werben? Fitschen: Das wäre ideal. Leider ist es in den Clubs häufig noch so, dass diejenigen, die in den Vereinen etwas zu sagen haben, in der Regel Männer sind und viele von denen nicht unbedingt Fans des Frauenfußballs sind. Wenn mehr Führungspositionen von Frauen belegt werden würden, könnte man den Sport vielleicht noch ganz anders fördern. Aber, wie gesagt: Es gibt auch zahlreiche Männer, die Unterstützung leisten. An erster Stelle mein ehemaliger Trainer Fritz Rathjen, der unheimlich viel dafür tut. Wenn’s mehr von dieser Sorte geben würde, dann würde es noch schneller vorangehen. Rundschau: Ist Frauenfußball in anderen Ländern besser angesehen? Fitschen: In den USA schon. Aber was die anderen Länder betrifft, ist Deutschland schon sehr gut dabei. Was das Finanzielle gegenüber den Männern angeht, haben wir allerdings noch großen Nachholbedarf. Rundschau: Also gehen die Spielerinnen tagsüber ihrem Job nach und abends wird trainiert?Fitschen: Ja, und das mindestens viermal die Woche und am Wochenende. Eine große Belastung, ein großer Aufwand. Inzwischen arbeiten einige der Nationalspielerinnen nur noch halbtags, andere studieren. Seit ein paar Jahren gibt’s für einige zudem Unterstützung von der Bundeswehr, in der Sportförderkompanie – wie’s auch in anderen Sportarten üblich ist. Da gibt es schon Hilfe. Leben allein vom Fußball kann man aber nicht. Rundschau: Wer das Ziel hat, auf einem gewissen Niveau zu spielen, braucht sicher mehr als ein- bis zweimal Training pro Woche, oder? Fitschen: Ja. Man muss auch mal nach der Schule auf der Straße oder mit Freunden oder Freundinnen spielen. Aber: Das Wichtigste ist, dass Spaß daran besteht. Und wenn das der Fall ist, muss man jemandem gar nicht sagen, was er machen soll, das passiert dann von alleine. Disziplin gehört natürlich schon dazu. Zum Beispiel, dass man am Wochenende nicht ständig bis in die Puppen in der Disco ist, sondern auch mal früher ins Bett geht, um am nächsten Tag gute Leistungen bringen zu können. Rundschau: In Rotenburg steht im Juli das Länderspiel der U19 an. Kann so eine Partie einen Schub für den Frauenfußball in der Region bringen? Fitschen: Auf jeden Fall. Rundschau: Und wie können die fußballinteressierten Mädchen ihren Mitschülern begegnen, die sagen „Das kannst du eh’ nicht“? Fitschen: Hauptsache, es macht Spaß. Ob man dabei sehr talentiert ist oder nicht, ist erstmal zweitrangig. Jeder sollte das tun, was ihm Freude bereitet, auch wenn man vielleicht kein Ronaldo ist oder keine Doris Fitschen. Die Mädchen sollten sich nicht beirren lassen: Es gibt so viele Jungs, die keinen Fußball spielen können, es aber wie selbstverständlich tun. Da sagt auch niemand „Lass es bleiben“. Es kommt wirklich in erster Linie auf den Spaß an der Sache an.
Die
wahre Geschichte Von Siggi Baumann Früh übt sich, was ein wahrer Meister werden will. Eine Weisheit, die jeder kennt und die manche von uns schon sehr früh sehr ernst nehmen. Wie anders sollte es zu erklären sein, dass Doris bereits im Mutterleibe so sehr mit den Beinchen strampelte, dass nicht nur ihre Mama davon überzeugt war, dass es sich bei dem Baby um einen Jungen handeln müsse. Ein wenig überraschend kam dann aber am 25.10.1968 doch ein Mädchen im Hause Fitschen zur Welt. Was allerdings weniger überraschte, war die Tatsache, dass Doris auch weiterhin einen großen Bewegungsdrang an den Tag legte. Kaum konnte sie richtig einen Fuß vor den anderen setzen, jagte sie auch schon mit Begeisterung dem runden Leder nach. Und das auch schon mal so wie der Herrgott sie erschuf - im Eva-Kostüm über den elterlichen Bauernhof in Osenhorst (Osenhorst - wer kennt es nicht, das 15-Seelen-Dorf im Norden unserer Republik...). * * * Doris' erster Trainer war Fritz Rathjen. Zwar waren ihre Eltern der Meinung, dass Fußball doch wohl nichts für Mädchen sei, doch gaben sie irgendwann den Quengeleien ihrer Tochter nach. Denn auch sie hatten gemerkt, dass Doris nur dann wirklich ausgeglichen war, wenn sie Fußball spielen durfte. Um ihrer Mama genau zu erklären, wie sie denn die Tore für ihren Verein FC Hesedorf erzielt hatte, musste sie dann auch schon mal zu Papier und Bleistift greifen, um alles genau aufzumalen. Unbeirrbar ging Doris so ihren Weg weiter, durchlief alle Auswahlmannschaften von der Kreis- bis zur Landesauswahl Niedersachsen und stand dann am 04.10.1986 als 17-jährige im EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark in Bergisch-Gladbach zum ersten Mal in der deutschen Nationalmannschaft. Ihr Debüt krönte sie mit ihrem ersten Länderspieltor. * * * Vereinsmäßig kam sie nach den weiteren Stationen TuS Westerholz, VfR Eintracht Wolfsburg und TSV Siegen 1996 zum 1. FFC Frankfurt, der damals noch SG Praunheim-Frankfurt hieß. Für sie, die sich selbst als Landei bezeichnet und in dörflicher Umgebung aufgewachsen ist, war der Sprung nach Wolfsburg und damit in die Selbstständigkeit schon eine Umstellung, doch auch damit ist sie zurecht gekommen. Was das Führen eines Haushaltes angeht, hat sie sich von ihrer Mama allerdings nicht furchtbar viel abgeschaut (ihr Lieblingsessen, Spaghetti Carbonara, bekommt sie inzwischen aber auch ohne fremde Hilfe hin). Auch wenn sie mit ihren Vereinen oder der Nationalmannschaft unterwegs ist, zählt sie nicht gerade zu den Ordentlichsten, hört man munkeln. * * * Der Wellensittich Kenzo gehört seit drei Jahren zu ihrer Familie. Wiebke Werlein und Renate "Idgie" Lingor entdeckten den Vogel auf der Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk in einer Tierhandlung. Als sie sahen, wie er sich reckte und streckte, mussten sie sofort an Doris denken, bei der die Dehn- und Gymnastikübungen im Training ganz oben auf der Negativ-Liste stehen. Schließlich ist sie Fußballerin und keine Primaballerina. * * * Während Doris privat als ausgeglichen, zurückhaltend und ruhig beschrieben wird (manche sollen auch der Meinung sein, dass sie ausgesprochen stur und dickköpfig sei), kommt auf dem Spielfeld immer wieder ihr Alter Ego zum Vorschein. Da zählen Aggressivität und Temperament zu ihren Stärken. Und natürlich ihr Kopfballspiel. Da darf dann auch mal das Stirnband verrutschen, das vor dem Spiel in liebevoller Art und Weise gezupft und gerichtet wird, damit auch optisch alles in Ordnung ist. * * * Temperament bricht hin und wieder auch in ihr aus, wenn sie am Lenkrad ihres Autos sitzt. Es wird aber auch wirklich immer gerade dann geblitzt, wenn man es besonders eilig hat. So ist sie in der Verkehrssünderdatei in Flensburg kein ganz unbeschriebenes Blatt mehr, und wie Strafzettel wegen Falschparkens aussehen, kann sie inzwischen auch schon aus der Ferne erkennen... * * * Doris ist blond, eine nicht zu leugnende Tatsache, aber - und das ist ebenso eine Tatsache - sie ist ganz sicher nicht dumm. Sie hat Abitur, beendete ihre Ausbildung an der Fachschule für Wirtschaft in Frankfurt mit Bravour und sehr guten Noten und erwarb an der Sporthochschule in Köln ihre Fußballlehrer-Lizenz. Da hat sie natürlich auch gelernt, sich gewählt auszudrücken. So müssen wir es sicher als einmalige verbale Entgleisungen bezeichnen, wenn sie während einer Rede beim DFB ihren Text vergisst und ihr ausgerechnet das Wort "Scheißendreck" rausrutscht. Oder wenn sie während eines Spiels, in dem es nicht recht klappen will, dieses englische Wort benutzt, das mit "F" anfängt und mit "uck" aufhört. Ausrutscher, wie gesagt, im Allgemeinen hört man eher das etwas moderatere "Du meine Güte" von ihr. * * * Die Zeit, die neben dem Fußball noch übrig bleibt, füllt Doris gerne mit anderen Hobbies. Da sind zum Beispiel ihre Pflanzen, die sie liebt, vor lauter Liebe aber auch schon mal das Gießen vergisst, bis sich das Grünzeugs verdurstet verabschiedet. Da ist ihr Flohmarkttick, der sie immer wieder dazu verleitet "wertvollen" Ramsch zu erstehen und mit nach Hause zu schleppen, obwohl in der Wohnung eigentlich längst schon kein Platz mehr für weitere Preziosen vom Trödelmarkt wäre. Da ist ihr Handy, das sie in jeder freien Minute am Ohr hält, und da ist auch noch ihre Leidenschaft fürs Internet. Ihre eigene sehr professionell, informativ und unterhaltsam gestaltete Homepage bietet ihr die optimale Plattform, um den deutschen Frauenfußball und auch sich selbst als die mittlerweile wohl bekannteste deutsche Fußballerin in der Öffentlichkeit zu präsentieren. * * * Bei aller Popularität und bei all den sportlichen Erfolgen, die Doris während ihrer Karriere errungen hat, ist sie dennoch immer natürlich und mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. So hält sie z.B. auch heute noch Kontakt zu ihrem ersten Trainer Fritz Rathjen. Ende Februar wird sie ihre Zelte in Frankfurt zumindest vorübergehend abbrechen und in den USA aufbauen. Mit den Philadelphia Charge wird sie in die neu gegründete US-Profiliga starten, womit sich für sei ein großer Traum erfüllen wird. Good-bye, Doris, alles Gute für die Zukunft und wir freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen! * * * DANKE!
Doris Fitschen:
FRANKFURT (sid). Die flauschige Bettdecke darf beim Aufbruch zu neuen Ufern
ebensowenig fehlen wie der Laptop. Selbst wenn die Dienstreise Fußball-Rekordnationalspielerin
Doris Fitschen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten führt. Die Koffer sind
gepackt, in der kommenden Woche geht für die 32 Jahre alte Defensivspielerin
vom 1. FFC Frankfurt mit dem Wechsel in die neu gegründete US-Profiliga
Women’s United Soccer Association (Wusa) ein amerikanischer Traum in Erfüllung.
„Das ist richtig aufregend und prickelnd. Für mich ist es eine sportliche
Herausforderung und gleichzeitig ein Abschied auf Raten“, sagt die 136-fache
Auswahlspielerin, die zunächst erst einmal bis Ende 2001 bei Philadelphia
Charge unter Vertrag steht.
26.
Februar 2001 Frankfurt/Main (dpa) - Für Doris Fitschen geht ein Traum in Erfüllung. Die Rekord- Nationalspielerin verabschiedete sich aus der Fußball-Bundesliga, um noch einmal in ihrer langen Laufbahn Profi zu werden. Beim Frauen-Team von Philadelphia in der amerikanische WUSA-Liga kann Doris Fitschen erstmals richtig Geld verdienen. «Ich wollte schon immer einmal im Ausland spielen und jetzt geht dieser Traum zum Ende meiner Karriere für mich in Erfüllung», sagte die Frankfurterin nach ihrem letzten Einsatz in der höchsten deutschen Liga. Als Abschiedsgeschenk trug sie wesentlich zum deutlichen 5:1-Sieg des Tabellenführers 1. FFC Frankfurt gegen Verfolger FFC Brauweiler-Pulheim bei, mit dem die Meisterschaft für die Hessinnen greifbar nahe rückte. In einer Woche - nach dem Pokal-Viertelfinale in Wolfsburg - bricht die 136-fache Nationalspielerin in Richtung USA auf, um in der neugegründeten Profiliga WUSA aufzulaufen. Bei ihrem Abschied war eine Menge Wehmut dabei, als sie zum letzten Mal in der Bundesliga das Frankfurter Trikot überstreifte. 1 000 Zuschauer brachten ihr nach der Auswechslung in der 88. Minute Standing Ovations. Vom norddeutschen Bauernhof in die Metropole an der amerikanische Ostküste - eine vierzehnjährige Reise mit markanten Stationen einer bemerkenswerten Karriere. Als Doris Fitschen am 4. Oktober 1986 mit 17 Jahren ihr erstes Länderspiel bestritt, da ahnte niemand, wie stark sie das nationale Geschehen bei den Frauen mit bestimmen würde. Die blonde Abwehrspielerin verstand sich stets als eine Botschafterin ihres Sportes, die nicht nur drei Mal jeweils Europameister, Deutscher Meister und Pokalsieger wurde, sondern auch außerhalb des Platzes stets Rede und Antwort stand. Völlig verdient war sie bei der spektakulären WM 1999 in den USA eine der wenigen ausländischen Spielerinnen, die dort in den Medien zur Kenntnis genommen wurde. Nicht zuletzt diese Popularität war es nun auch, die ihr das Angebot einbrachte. Von 16 Spielerinnen aus dem Ausland war sie eine der ersten, die die WUSA verpflichtete. Dort kann sie nun mit Fußball erstmals richtig Geld verdienen. Zwar war die Diplom- Betriebswirtin schon in Deutschland eine der wenigen, die mehr als nur ein Taschengeld bekam. Rund 150.000 Mark brutto bekommt Fitschen in Übersee, eine Summe, die sie mit persönlichen Sponsoren noch aufstocken kann. Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen nimmt sich der Verdienst noch sehr bescheiden aus, doch für Fitschen war es ein Anreiz, die Offerte anzunehmen.
Frankfurter
Rundschau Von Matthias Kittmann Eine Abschiedsgala mit Wettkampfcharakter muss nicht automatisch jener Inszenierung folgen, die für einen solchen Anlass geplant ist. Erst recht, wenn wie in diesem Fall der Gegner auch noch den nicht ganz unwichtigen Wunsch hat, selbst Meister zu werden. So war nicht vorauszusehen, dass das letzte Bundesligaspiel der Doris Fitschen vor ihrem Wechsel in die US-Profiliga für den FFC Frankfurt im Spitzenspiel gegen Brauweiler-Pulheim die Planspiele übererfüllen würde. Die gelungene "Doris Fitschen-Show" beim 5:1 des FFC war vor 1000 Zuschauern nicht zuletzt der Protagonistin selbst zu schulden, die in 90 Minuten mit einem "Best of-Medley" all dessen aufwartete, was ihre 14 Jahre lange fußballerische Karriere auszeichnete: Spielintelligenz, Übersicht, Technik, Dynamik und die Kunst, im richtigen Moment die richtigen Dinge zu tun. Wie hätte sonst ausgerechnet ihr das spielentscheidende Tor zum 1:0 gelingen können? Denn es war kein Abschiedsspiel der Sorte: "Legt dem Jubilar ein Tor auf und zieht den Fuß zurück." Also servierte Pia Wunderlich, die nette Kollegin, den Ball gleich beim ersten Versuch perfekt und Doris Fitschen schlug per Kopf zu. Jeder Gegner weiß, wie das Spielchen läuft und doch kann er sich selten dagegen wehren. Brauweiler wehrte sich auch sonst nicht mehr großartig, was zum großen Verdruss der beiden anderen künftigen US-Profis Bettina Wiegmann und Maren Meinert führte, aber man muss auch fairerweise sagen, dass der FFC an diesem Tag trotz des gefrorenen Platzes ein Spiel vom allerfeinsten zeigte. Pässe in die Tiefe des Raumes wie beim 2:0 durch Steffi Jones, "brasilianischer" Schlenzer zum 4:0 durch Renate Lingor oder der doppelte Doppelpass zum 5:0 von Birgit Prinz dürfte das Beste gewesen sein, was der Frauenfußball in dieser Saison geboten hat. Der FFC steht nun mit neun Punkten Vorsprung praktisch als Meister fest, und Doris Fitschen kann sich beruhigt daran machen, in den USA mit Fußball ein bisschen Geld zu verdienen.
Frankfurter Rundschau Doris Fitschen beweist große Professionalität und gilt darin dennoch als Ausnahme Diesen Status gibt es im deutschen Frauenfußball eigentlich gar nicht, der Deutsche Fußball-Bund mag den Begriff auch nicht sonderlich, aber Doris Fitschen vom 1. FFC Frankfurt sagt offen auf die Frage, was sie außer Fußball noch mache: "Nichts. Wenn man so will, bin ich Profi."
Berliner Morgenpost Fußball ist ein gemeiner Sport. Welche Grausamkeiten der Rasenkick neben Ziehen, Zerren, Spucken und der Blutgrätsche sonst noch bietet, verbildlichte kürzlich das US-Magazin "New Yorker" in einem Cartoon: Traurig, mit hängendem Kopf, stand ein Junge am Spielfeldrand. Vor ihm hatte sich ein Mädchen mit Zöpfen aufgebaut. "Jason", sagte die Kleine, "ich würde dich wirklich gern mitspielen lassen. Aber Fußball ist nun mal ein Mädchenspiel." An Matthäus aber wird der Boom, wenn er kommt, wohl vorüberziehen. Es sei denn, er lässt sich Zöpfe flechten. Fußball ist nun mal, grausam aber wahr, ein Mädchensport.
Berliner Morgenpost Daß Doris Fitschen, die neue Rekordnationalspielerin des deutschen Frauen-Fußballs, beim 6:0 über Mexiko nicht auf der Torschützenliste auftauchte, ist nichts Besonderes. Denn die Aufgabe der 30jährigen liegt auf der anderen Seite des Feldes. Vor dem eigenen Tor. Dort, wo die Null stehen soll.Im 120. Länderspiel - eines mehr als die derzeit verletzte Martina Voss absolviert hat - erfüllte die kluge Blondemit dem Stirnband als Markenzeichen ihre Aufgabe als Abwehrchefin wieder einmal souverän. Ohne jede Nervosität, wie sich 20 169 Zuschauer in Portland/Oregon überzeugen konnten, obwohl die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in den USA durchaus unter Erfolgsdruck steht. Doch Doris Fitschen, die mit der Rückennummer 5spielt (da war doch mal ein Herr namens Beckenbauer), kennt diese Belastung nur zu gut. Schließlich gab sie ihr Debüt im Nationaltrikot schon als 17jährige. Vor knapp13 Jahren im Oktober 1986 im EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark (2:0). Seitdem hat sie alle Großereignisse mitgemacht, warviermal Europameisterin, 1991 WM-Vierte in China undmußte nur vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft inSchweden wegen eines Kreuzbandrisses passen. Abersie überstand diese Blessur, eine der schwerstenVerletzungen die ein Fußballer erleiden kann. EineParallele übrigens zu Lothar Matthäus, demRekord-Internationalen der deutschen Männer (136Einsätze, der sich nach derselben Operation in dieWeltklasse zurückkämpfte. Computerfreak «Fitschi» vom Deutschen Meister 1. FFC Frankfurt ist abseits des Rasens genauso zielstrebig wie beim Abräumen vor dem eigenen Strafraum. Vor der Abreise zur WM legte sie noch ihren Abschluß als Betriebswirtin hin. Mit Note 1. Und null Problemen.
7. November 1997 Die Angelegenheit ist hypothetisch, aber sie hat ihren Reiz. Stellen sie sich vor: Ein deutscher Fußballprofi, der mit der deutschen Nationalmannschaft dreimal Europameister geworden ist, bestreitet gegen den amtierenden Weltmeister sein 100. Länderspiel – und praktisch als Geschenk gibt es einen Sieg. Und jetzt die frage, auch auf die Gefahr hin, dass wir uns selbst vor das Schienbein treten: was würden die Medien aus so einer Geschichte machen? Für die Antwort benötigt man nicht viel Phantasie. SAT 1 würde fünf Stunden lang übertragen, die bunten Blätter hätten ihre „Mein-Leben-für-den-Fußball-Serie" gemacht, die seriösen Zeitungen ihre Edelfedern um eine Würdigung gebeten. Doris Fitschen aus Zeven-Osenhorst ist dreifache Europameisterin, hat 100 Länderspiele bestritten, aber ihr Jubiläum fiel ein paar Nummern kleiner aus, weil sie nicht Fußball, sondern Frauenfußball spielt. Immerhin hat die ARD übertragen. Das Problem ist bekannt, durch die neue eingleisige Bundesliga hat sich daran nichts geändert: An der Mehrheit der Fußballfans dribbeln die Frauen vorbei, weil sie keine Lobby haben. Fitschen? Nie gehört. 100 Länderspiele im Frauennationaltrikot – das ist noch immer eher ein stilles Jubiläum. Ob Doris Fitschen mit mehr Tamtam und Brimborium glücklicher wäre ist schwer zu beurteilen. Mehr Geld hätte sie auf jeden Fall.
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